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Wärmemarkt

KWK vom Energiedienstleister

Wenn die Heizungsindustrie von einem schnellen Strukturwandel im Wärmemarkt spricht, meint sie damit in der Regel Veränderungen in ihrer Wärmeerzeugerabsatzstatistik. Mega­trends sind dabei Anteilsgewinne für Systeme mit höherer Energieeffizienz und für Systeme, die Umweltwärme oder erneuerbare Energien nutzen. Abhängig von den Energiepreisen, Fördertöpfen und der Politik setzen sich die Trends mal langsamer, mal schneller fort, mitunter kommt es auch zu Rückschlägen.

Neben diesem technologischen Wandel zeichnet sich allerdings eine zweite Veränderung ab, die das Marktgefüge viel schneller umkrempeln könnte und dem Namen Wärmemarkt deutlich ­näherkommt, als das bisherige Vermarktungssystem. Heute muss sich der Eigentümer für eine Technik und einen Energieträger entscheiden. Er kauft beides ein und produziert mit ihnen das eigentliche Objekt der Begierde: Wärme. Ein Umstand, der förmlich nach einem Dienstleister schreit, der Wärme liefert. Vor allem weil die Industrie für jedes System eine hohe Wirtschaftlichkeit und eine schnelle Amortisation reklamiert. Tatsächlich gibt es aber bisher kaum Energiedienstleister, die im großen Stil Gebäude oder gar Ein- und Zweifamilienhäuser mit vor Ort hergestellter Wärme versorgen.

Neue KWK-Konzepte für kleine Gebäude könnten den Wärmeerzeugermarkt gründlich verändern. Investiert heute vornehmlich der Hauseigentümer, könnte dies schon bald ein Energieversorger sein, um mit den Angeboten der Abwärmelieferanten konkurrieren zu können.

Viele Faktoren sprechen dafür, dass sich dieses bald ändern könnte. Insbesondere die Kraft-Wärme-Kopplung bietet hier den einstigen Brennstofflieferanten ideale Ansatzpunkte: Der Keller des Kunden wird gegen eine geringe Gebühr gemietet, die veraltete Technik entsorgt und eine standardisierte KWK-Anlage mit maximaler Vorfertigung installiert. Der Gebäudeeigentümer beteiligt sich mit einem Investitionskostenzuschuss, der unter den Kosten für eine neue Heizungsanlage kalkuliert ist. Gleichzeitig befreit er sich gegen eine Servicepauschale von seinem unternehmerischen Risiko und nur bedingt kalkulierbaren Wartungs- und Instandhaltungskosten. Durch die Abrechnungsbasis „abgenommene Wärme“ gibt er zudem die Verantwortung für vermeidbare und unvermeidbare Verluste der Wärmeerzeugung ab.

Für den Energiedienstleister ist das Geschäft ebenfalls attraktiv: Er verwendet die Kundenanlage als bezahlte Abwärmesenke für die Stromerzeugung und kann die produzierte (und subventionierte) Elektrizität am Markt handeln. Eine intelligente Steuerung der Anlage und ein Wärmespeicher vor Ort bieten zudem das Potenzial, einen Teil der Elektrizität zum lukrativsten Zeitpunkt in das Netz einzuspeisen.

Als im letzten Jahr der Energieversorger LichtBlick zusammen mit Volkswagen das ZuhauseKraftwerk-Konzept präsentierte, war die Meinung der Fachwelt gespalten. Abzüglich interessenpolitischer Kritik blieb aber nur die nach bisherigen Auslegungsregeln drastische Überdimensionierung als Diskussionspunkt übrig, weil LichtBlick – unbewusst oder mit Kalkül – auch das Einfamilienhaus ins Spiel gebracht hatte. TGA Fachplaner kommentierte damals, dass neben der Grundidee auf Spitzenstrom abzuzielen, die industrielle Großserienproduktion der KWK-Anlagen der Schlüssel ist. Zudem sei es allenfalls eine Frage der Zeit, bis eine Konfiguration mit geringerer Leistung offeriert wird. Offensichtlich ist das Geschäftsmodell so attraktiv, dass die Skalierungs­effekte in der Produktion nicht unbedingt erforderlich sind, wie jetzt EnVersum mit dem „virtuellen Dachs-Großkraftwerk“ (siehe Seite 16) belegen will.

Werden die Angebote angenommen, werden sie den Wärmemarkt deutlich verändern, denn die bisherige Wertschöpfungskette Hersteller – Handel – Planung und Ausführung – Brennstofflieferant wird aufgebrochen. Die Verlierer werden mit neuen Ideen kommen, um ihre Marktanteile zu verteidigen. Einige Gasversorger haben bereits KWK-Konzepte vorgestellt, die insbesondere die bisherige Wertschöpfung von Handel, Planung und Ausführung neu verteilen. Aber es muss nicht unbedingt KWK sein. Konzepte auf der Basis von Heizkesseln und Wärmepumpen können ebenfalls ihren Markt finden. Und der straßengebundene Brennstoffhandel wird sich auch Gedanken machen, wie er seine Zukunft sichern kann. Für eine dramatische Beschleunigung könnte der Ausstieg vom Atomausstieg sorgen. Er würde die Investitionspläne der kleineren Energieversorger beerdigen und ihnen größere Finanzierungsspielräume zur Kundenbindung im Wärmemarkt eröffnen.

Jochen Vorländer, Chefredakteur TGA Fachplaner

vorlaender@tga-fachplaner.de
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