TGA HOAI

TGA Ausgabe 01-2012
Halbzeit für HOAI 2013

Fehlkalkulation raubt Reform den Zeitpuffer

Der Terminplan zur HOAI 2013 ist durch einen Ausschreibungsfehler nun sehr eng ­gesteckt und lässt keinen Spielraum für weitere Verzögerungen.
Der Terminplan zur HOAI 2013 ist durch einen Ausschreibungsfehler nun sehr eng ­gesteckt und lässt keinen Spielraum für weitere Verzögerungen.

Gut die Hälfte der Zeit für die Reform der HOAI 2009 als grundlegende Aktuali­sierung der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure zu einer HOAI 2013 ist aufgebraucht. Die beispiellose Integration der fachlichen Kompetenz von Auftraggeber- und Auftragnehmerseite in den Reformprozess ist bisher überaus erfolgreich. Sorge bereitet allerdings die Terminsituation.

Die wirtschaftliche Situation der Planungsbüros hat sich nach der 6. HOAI-Novelle, gültig seit dem 18. August 2009 (Webcode 254702), trotz guter Auftragslage (erwartungsgemäß) nicht verbessert. Der am 1. Dezember 2011 auf der traditionellen AHO1)-Herbsttagung in Berlin vorgestellte AHO-Bürokostenvergleich 2010 hat sogar gezeigt, dass sich die die Schere zwischen Kosten und Ertrag immer weiter öffnet. Die Umsatzrendite der Büros sank im Durchschnitt noch einmal von 3,4 % im Jahr 2009 auf aktuell nur noch 2,2 %. Etwa 40 % der Büros, darunter vorwiegend kleinere, schreiben rote Zahlen.

HOAI entscheidet über Bürobilanz

In ihrem wirtschaftlichen Erfolg sind die Planungsbüros der HOAI auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Beispielsweise gaben bei der VBI-Konjunkturumfrage 2011 (Webcode 315739) 27 % der teilnehmenden TGA-Planungsbüros an, dass sie keinen Umsatz außerhalb der HOAI-Leistungsbilder erwirtschaften und weitere 56 % höchstens ein Viertel ihrer Umsätze frei verhandelt generieren. Das Mittel aller ­Planungsbüros kann sich mit Werten von 18 % und 45 % dem Einfluss der HOAI ebenfalls nicht entziehen.

Die Folgen sind gravierend: Trotz ständig steigenden Anforderungen haben Ingenieure in Planungsbüros mit Abstand die rote Laterne im Gehaltsvergleich der Ingenieurberufe, berichtet der AHO-Vorstandsvorsitzende Ernst Ebert. Ohne eine deutliche Anhebung der Honorare im Zuge der bis 2013 von der Bundesregierung versprochenen 7. HOAI-Novellierung werde sich sonst der Exodus von am Bau tätigen Ingenieuren in die Industrie weiter verstärken. „TGA-Jung­ingenieure wandern schon nach zwei Jahren in die Industrie, weil wir mit den Gehältern nicht mithalten können.“ Mit der Energiewende entsteht für viele Ingenieurberufe in den nächsten Jahren ein zusätzlicher starker Sog, viele TGA-Planungsbüros klagen schon heute über einen bedrohlichen Verlust an Leistungsträgern.

Gigantischer Workshop

Die weitere Novellierung der HOAI hatte die Bundesregierung mit ihrem Koalitionsvertrag angekündigt „Die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) wird auf der Grundlage des Bundesratsbeschlusses2) schnellstmöglich weiter modernisiert“ und seitdem auch mehrfach die Fertigstellung in der aktuellen Legislaturperiode, also bis Mitte 2013, bekräftigt. Danach gehen Sommerpause und Bundestagswahlkampf nahtlos ineinander über.

Die AHO-Herbsttagung ist seit einigen Jahren die beste Gelegenheit, sich über den Prozess und den aktuellen Stand der jeweils anstehenden Reformschritte ungeschminkt zu informieren. 2011 war sie dies durch die Beteiligung der Berufsstände am Reformprozess („Zwei-plus-zwei-Reform“ Webcode 303410) in besonderem Maße. „Vieles geschah geräuschlos und drang nicht an die breite Öffentlichkeit“, berichtet Ebert. „Ich kann aber versichern, dass in einem bislang beispiellosen Verfahren mehr als 100 Experten der Auftraggeber- und Auftragnehmerseite in acht Arbeitsgruppen, in über 60 meist zweitägigen Sitzungen und in zwei Synchronisationsrunden intensiv diskutiert und gearbeitet haben.“ Univ.-Prof. Dipl.-Ing., Architekt, Hans Lechner, der den Evaluierungsprozess im Bundesbauministerium (BMVBS) als Gutachter wissenschaftlich begleitet hat: „Das war ein gigantischer Workshop.“

Halbzeit, aber nur ein Viertel geschafft

Als Ergebnis wurde im September 2011 der Abschlussbericht „Evaluierung HOAI Aktualisierung der Leistungsbilder“ (Webcode 332136) vorgelegt. Ebert: „Mit dem mehr als 400 Seiten starken Abschlussbericht ist ein tragfähiger Grundstein für die HOAI 2013 gelegt worden.“ Der AHO hat dazu auf http://www.aho.de im Menü „Aktuelles“ die Synopse „Wesentliche Forderungen des Berufsstandes der Ingenieure und Architekten sowie Zwischenergebnisse nach Vorlage des Abschlussberichts BMVBS“ veröffentlicht. In welchem Umfang die vorgeschlagenen Aktualisierungen Branchenkonsens sind oder werden, lässt sich nur schwer abschätzen. Man muss aber fast davon ausgehen, denn bei Lechner ist bisher nur eine schriftliche Stellungnahme eingegangen.

Die „Halbzeit der HOAI-Reform 2009“, wie es im Untertitel der AHO-Herbsttagung 2011 stand, ist allerdings nur zeitlich erreicht. Von den Arbeitspaketen ist erst ein Viertel geschafft. Offizieller Start der HOAI-Reform war der 11. Mai 2010 mit der ersten Sitzung der Koordinierungsgruppe HOAI. Der im November 2010 vorgelegte 37-monatige Zeitplan sah eine Veröffentlichung der neuen HOAI im Mai 2013 vor. Rund 17 Monate, also fast die Hälfte der Zeit, wurden bis zum oben genannten Abschlussbericht benötigt. Der „gigantische Workshop“ verdeutlicht, dass diese Zeit dringend notwendig war. Trotzdem: Ende September 2011 bestand damit ein Verzug von drei Monaten – ursprünglich hätten die vom BMVBS geleiteten Untersuchungen im zweiten Quartal 2011 abgeschlossen sein sollen, um den Staffelstab an das im HOAI-Reformprozess federführende Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) zu übergeben.

Honorargutachten verzögert sich

Nach der überzeugenden Arbeit im BMVBS hat das BMWi zunächst mit einer Fehlkalkulation schockiert: Die Angebote für das aufbauende Forschungsgutachten zum Aktualisierungsbedarf der Honorarstruktur lagen nach einem öffentlichen Teilnahmewettbewerb im Rahmen einer freihändigen Vergabe wesentlich über dem Schwellenwert von 193000 Euro. Die Kosten für das Gutachten waren mit einer „üblichen“ Faustformel kalkuliert worden. Das BMWi „musste aufgrund der vorgelegten Angebote erfahren, dass die Anforderungen der Leistungsbeschreibung unterschiedlich verstanden worden sind und die Angebote eine hohe Spreizung aufweisen“, heißt es aus dem Ministerium. Am Ende blieb zur Schadensbegrenzung nur die Neuausschreibung. Bei einer Beauftragung hätten die Verzögerungen durch einen Einspruch eine HOAI-Reform bis 2013 wohl unmöglich gemacht.

Nach der neuen Terminplanung hofft das BMWi unter Wahrung aller Fristen bis Mitte Februar 2012 das Gutachten beauftragen zu können. Ein Teil des Verzugs soll wieder wettgemacht werden. Im BMWi erhofft man sich eine Zeitersparnis von mindestens zwei Monaten durch eine Straffung der Ausschreibung und eine Beschränkung der Untersuchung auf honorarrelevante Parameter. Der ursprüngliche Terminplan sah vor, dass die Ergebnisse im April/Mai 2012 vorliegen, um bis September 2012 einen Referentenentwurf für die 7. HOAI-Novelle vorzulegen.

Terminplan ohne Puffer

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) Ernst Burgbacher MdB gab trotzdem auf der AHO-Herbsttagung 2011 ein deutliches Bekenntnis zur Reform der HOAI in der laufenden Legislaturperiode bis Mai 2013 ab: „Der [neue] Zeitplan ist ehrgeizig, aber machbar. Ich verspreche: Der Zeitverzug wird an anderer Stelle wieder hereingeholt.“

Das Honorargutachten soll bis Dezember 2012 abgeschlossen sein. Und schon während der Laufzeit des Forschungsgutachtens soll mit dem eigentlichen Novellierungsprozess (materiell-rechtliche Überarbeitung der Verordnung) begonnen werden. Ohne dieses parallele Arbeiten wäre die Terminkette der HOAI-Reform bis 2013 bereits geplatzt. Nach Abschluss des Gutachtens werden die Vorschläge zur Anpassung der Honorarstruktur geprüft und auf dieser Basis die neuen Honorar-Tafelwerte in den Entwurf eingearbeitet. Bis Anfang 2013 soll dann die vorgezogene Anhörung der Berufsgruppen abgeschlossen sein. Bis April 2013 könne sich dann das Bundeskabinett mit der neuen HOAI befassen und im Mai 2013 der Bundesrat der Verordnung zustimmen.

Noch kein Bekenntnis zu VI und X – XIII

Im Fokus der Diskussion stand auf der AHO-Herbsttagung auch die noch immer offene politische Grundsatzfrage über die Rückführung der Leistungen für Umweltverträglichkeitsstudien, Thermische Bauphysik, Schallschutz und Raumakustik, Bodenmechanik, Erd- und Grundbau sowie Vermessungstechnische Leistungen (ehemals Teile VI, X-XIII HOAI 1996) in den verbindlichen Teil der HOAI. Ebert forderte nachdrücklich eine baldige politische Grundsatzentscheidung in dieser für den AHO zentralen Frage und verwies auf zwei vorliegende wissenschaftliche Gutachten. Darin wurde fachlich fundiert belegt, dass diese Planungsleistungen untrennbar zum originären Planungsprozess gehören.

Ebert forderte die Politik auf, aus den Fehlern einer ungebremsten Deregulierung zu lernen. Die schlimmen Folgen habe vor drei Jahren der Beginn der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise gezeigt. Ebert: „Die Bundesregierung sollte ihren Fokus nicht nur auf die Rettung und Sanierung ‚systemrelevanter‘ Banken richten. Auch Ingenieure und Architekten, die überwiegend in mittelständisch geprägten Strukturen tätig sind, sind systemrelevant. Die freiberuflichen, mittelständischen Strukturen sind ein elementarer Pfeiler der deutschen Volkswirtschaft und sollten die gebotene Achtung erfahren. In Deutschland gibt es rund 93000 Architektur und Ingenieurbüros, mit einem Honorarumsatz von rund 44 Mrd. Euro bei etwa 0,5 Mio. Beschäftigten.“ Jochen Vorländer

1) AHO Ausschuss der Verbände und Kammern der Ingenieure und ­Architekten für die Honorarordnung e.V. Im Jahr 2002 hatte sich der AHO, der zunächst als Ingenieurverband gegründet wurde, auch für Archi­tektenvereinigungen geöffnet. Mittlerweile sind im AHO 42 Ingenieur- und Architektenorganisationen zusammengeschlossen.

2) Gemeint ist der Bundesratsbeschluss vom 12. Juni 2009 (Webcode 302488) anlässlich seiner Zustimmung ohne Maßgaben (Änderungswünsche) zu der von der Bundesregierung vorgelegten 6. HOAI-Novelle.

Mehr Infos zum Thema im TGAdossier HOAI: Webcode 717

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