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Angespannte Weltenergieversorgung

Bereits in Sicht: Der fossile Energie-Peak

Kompakt informieren

  • Eine Analyse Förderprofile durch die Energy Watch Group kommt zu dem Ergebnis, dass für alle fossilen und nuklearen Energieträger der Förderhöhepunkt bis etwa 2020 erreicht sein wird.
  • Der danach einsetzende Förderrückgang wird Energie verteuern, weil der technische Aufwand zur Förderung steigt und die Nachfrage das Angebot übersteigt. Ein steigender Weltenergiebedarf erfordert die Erschließung alternativer Energiequellen.
  • Je weiter der Förderhöhepunkt hinausgezögert wird, desto steiler ist der dann folgende Rückgang der Fördermenge.

Noch vor Ende dieses Jahrzehnts könnte die weltweite Versorgung mit allen fossilen Energieträgern und mit Uran ihren Höhepunkt überschreiten Abb. 1 . Schon jetzt ist die Versorgungslage sehr angespannt, entgegen der in letzter Zeit in der Öffentlichkeit kommunizierten Prognosen. Das zeigt eine neue Studie der Energy Watch Group, in der erstmals die wahrscheinlichen Förderprofile aller konventioneller Energieträger – Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran – zusammengefasst werden.

Konventionelles Erdöl: schon rückläufig

Seit dem Jahr 2005 hat demnach die Erdölförderung bereits ihren Höhepunkt erreicht und verweilt mit Schwankungen auf einem Plateau Abb. 2. Die konventionelle Erdölförderung befindet sich seit 2008 sogar im Förderrückgang, der bislang nur durch besonders aufwendige und teure („unkonventionelle“) Fördermethoden kompensiert werden konnte. Neue Felder, nicht nur beim Erdöl, liefern jedoch meist auch eine schlechtere Qualität, mehr Schadstoffe, sind kleiner und immer schwieriger und mit immer mehr Energieaufwand zu erschließen.

Auch die konventionelle Erdgasförderung ist weltweit in vielen Teilen der Welt bereits im Rückgang, besonders in Europa und Nordamerika. Die detaillierte Untersuchung vieler Förderregionen führt in der Energy-Watch-Group-Studie zu dem Schluss, dass bereits vor 2020 auch die weltweite Erdgasförderung ihren Höhepunkt überschreiten könnte Abb. 3.

Schiefergas: Kein weltweiter Boom

Daran ändert auch der aktuelle Schiefergasboom in den USA nichts. Er beruht auf einer Sondersituation und einer Förderdynamik, die sich nur vorübergehend aufrechterhalten lässt, wie genaue Untersuchungen der Förderregionen zeigen. In Texas beispielsweise, wo zurzeit am meisten Schiefergas gefördert wird, hat die Förderung ihr Maximum bereits überschritten. Die gesamte Gasförderung ist in dem US-Bundesstaat nach neuesten Zahlen allein im Jahr 2012 um 20 % zurückgegangen (weitere Hintergründe: siehe Info-Kasten).

Die Energy Watch Group erwartet deshalb, dass die Schiefergasförderung in den USA ab 2015 nicht weiterwächst, sondern sehr schnell stark zurückgehen wird. Die bisher in den USA gemachten Erfahrungen lassen sich außerdem aus vielen Gründen nicht auf andere Länder übertragen. Die Hoffnungen auf einen weltweiten Boom des unkonventionellen Erdgases erscheinen deshalb unbegründet.

Kohle: international kaum gehandelt

Dagegen gelten die weltweiten Kohlevorräte als reichlich. Oft wird sogar behauptet, die Vorräte würden eine problemlose Versorgung für Jahrhunderte sichern. Doch auf dem Weltmarkt wird nur ein kleiner Teil der geförderten Kohle gehandelt. Das meiste verbrauchen die Förderstaaten selbst. Inzwischen ist auch China, das Land mit der größten Kohleförderung vom Exporteur zum Importeur geworden. Hauptsächlich zwei Länder versorgen den Weltmarkt: Australien und Indonesien. Doch die Qualität der Kohle ist dramatisch gesunken. In spätestens zehn bis zwanzig Jahren ist der weltweite Förderhöhepunkt zu erwarten.

Beim Uran wird derzeit ein Teil des Bedarfs aus Lagerbeständen und dem Rückbau von Atomsprengköpfen gedeckt. Der bisherige Förderhöhepunkt bergmännisch abgebauten Urans lag in den 1980er-Jahren. Im besten Fall wird es gelingen, die bestehenden und einige neue Kernkraftwerke noch einige Zeit mit Brennstäben zu versorgen. Ein massiver Ausbau der Kernenergie würde an fehlendem Uran scheitern.

Fasst man die Szenarien zusammen, ergibt sich ein wahrscheinlicher Förderpeak aller konventionellen Energieträger zwischen 2015 und 2020. Auf den Förderhöhepunkt folgt der Rückgang und damit dauerhaft hohe und möglicherweise weiter steigende Preise, weil das Angebot nicht mehr die Nachfrage decken kann. Spätestens dann werden nur noch diejenigen Verbraucher beliefert, die in der Lage sind, hohe Preise zu zahlen.

Zittel: „Wir müssen zügig umsteuern“

Über weitere Konsequenzen und Bewertung sprach Thomas Seltmann mit dem Studienautor Dr. rer. nat. Werner Zittel Abb. 4, Ludwig-Bölkow-Systemtechnik.

Seltmann: Herr Zittel, in der neuesten Studie für die Energy Watch Group zeigen Sie auf, dass die weltweite Energieversorgung aus konventionellen Energien an ihre Grenze stößt, in den nächsten Jahren sogar zurückgehen könnte. Was bedeutet das für die Energieverbraucher?

Zittel: Schon in den letzten Jahren ist der Verbrauch in den klassischen Industrieländern nicht mehr gestiegen, sondern in Teilbereichen sogar gesunken. Was die Förderung von Erdöl betrifft, dem nach wie vor wichtigsten Energieträger, haben die Förderländer unter den Industriestaaten auch ihren Förderhöhepunkt bereits hinter sich.

Seltmann: Wie ist die Situation in den Nicht-Industrieländern?

Zittel: Die aufstrebenden Schwellen- und Entwicklungsländer, insbesondere China, setzen ihr Wirtschaftswachstum und die Zunahme ihres Energieverbrauchs ungebrochen fort und haben ihre Energieimporte massiv ausgebaut. Dadurch ist in den Industriestaaten der Verbrauch teilweise eingebrochen. Derzeit ist der Energieverbrauch der Industriestaaten etwa genauso hoch wie der Verbrauch der anderen Länder. Wenn ihr Verbrauch weiter steigen soll, geht das nur durch weiter sinkenden Verbrauch in den Industriestaaten.

Seltmann: Das gilt aber doch nur unter der Voraussetzung, dass es bei konventio­nellen Energieträgern bleibt, also Erdöl, ­Kohle, Erdgas?

Zittel: Dort wo weniger fossile Energien verbraucht wurden, hatte das bisher weniger mit dem Ersatz durch erneuerbare Energien zu tun, sondern mehr mit dem Verbrauchsrückgang. Die erneuerbaren Energien wachsen noch nicht im notwendigen Umfang. Man muss sich mal vorstellen, mit welch ungeheurem Aufwand der fossile Energieverbrauch bis heute in solche Höhen geschraubt wurde, dass die Versorgung jetzt einen Erschöpfungszustand erreicht. Künftig können die konventionellen Energieträger nicht mehr die Grundlage für weiteres Wirtschaftswachstum sein. Wir müssten uns also entscheiden: Entweder Wirtschaftswachstum beenden oder ganz schnell Wachstum aus ­anderen Energiequellen speisen.

Seltmann: Es wird oft gesagt, die Ölförderung ließe sich weiter steigern…

Zittel: Die Ölindustrie betreibt gigantische Anstrengungen, die aktuelle Fördermenge zu halten. Seit Jahren befindet sich die globale Fördermenge auf einem Plateau. Die Umstände der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko um die Ölplattform „Deepwater Horizon“ sprechen Bände. Die Frage ist jetzt, wie lange kann man den Rückgang noch hinausschieben. Wir haben keinerlei Fakten gefunden, die eine Annahme stützen würden, dass sich dieses Niveau künftig halten lässt oder die Fördermenge sogar noch gesteigert werden könnte.

Seltmann: Wann rechnen Sie mit dem Rückgang der Ölförderung?

Zittel: Wir haben in einer früheren Studie den Höhepunkt der Ölförderung auf das Jahr 2006 datiert. Für das konventionelle Erdöl hat die Internationale Energieagentur IEA diesen Zeitpunkt inzwischen bestätigt. Wir rechnen damit, dass die Förderung ab jetzt zurückgeht. Das könnte aber auch später stattfinden, je nachdem welche Anstrengungen man technisch und kostenmäßig betreibt. Ich würde den Rückgang aber schon vor 2020 erwarten.

Seltmann: Warum lässt sich der Zeitpunkt des Förderrückgangs nicht genauer bestimmen?

Zittel: Das eigentliche Problem ist: Je weiter der Förderrückgang mit hohem technischen und finanziellen Aufwand hinausgeschoben wird, umso steiler wird der Abstieg. Das ist wie bei einem Schwamm. Den können Sie langsam oder schnell ausdrücken. An der Gesamtmenge, die heraustropft, ändert das nichts. Für die Stabilität der Wirtschaft und Gesellschaft wäre es aber verträglicher, den Schwamm langsamer auszupressen und den Rückgang frühzeitig einzuleiten. Würde man akzeptieren, dass der Höhepunkt überschritten ist, könnte der Abstieg sanfter verlaufen und ließe sich geordnet durchführen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Informationen über die Energy Watch Group, alle Studien und zusätzliche Materialien sind online verfügbar unter:

http://energywatchgroup.org/

Hätten Sie das gewusst?

Die Nutzung fossiler Energieträger hat noch eine andere Beschränkung: Bereits die CO2-Emissionen aus der Verbrennung der bekannten, wirtschaftlich förderbaren Öl-, Kohle- und Gas-Vorkommen würden das bis 2050 verbleibende Emissionsbudget um das Vierfache überschreiten. Das Emissionsbudget beläuft sich nach der Überzeugung vieler Klimawissenschaftler im Zeitraum 2000 bis 2050 auf etwa 1000 Mrd. Tonnen CO2, um mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 % die Klimaerwärmung bis 2100 unter 2 °C zu halten. Der größte Teil der fossilen Energieträger darf also niemals gefördert und verbrannt werden.

Welche Rolle spielt Schiefergas?

Neben der konventionellen Erdöl- und Erdgasförderung spielt besonders in der öffentlichen Diskussion die sogenannte unkonventionelle Förderung eine immer größere Rolle. Es wird behauptet, damit ließe sich ein nennenswerter Teil der bisherigen Förderung aufrechterhalten. In einer Pressekampagne wurde sogar behauptet, die USA könnten damit energieautark und sogar vom Importeur zum Energieverkäufer werden.

Beim unkonventionell förderbaren Erdgas handelt es sich um Gasbläschen, die in dichtem Gestein, Kohle oder Schiefer in sehr kleiner Menge enthalten sind – anders als die klassischen Gasblasen, die bei der konventionellen Förderung angebohrt und ausgepumpt werden.

Relativ neu ist eigentlich nur die Förderung von Schiefergas (englisch: Shalegas) mit der Fördermethode „Fracking“. Nach dem Bohren eines Zugangs wird ein Mix aus Wasser, Sand und Chemikalien mit hohem Druck ins Gestein gepresst, damit die Schichten aufbrechen und die Gasbläschen freigeben, und das Gas dann an die Oberfläche getrieben wird.

In den USA hat diese Fördermethode in den letzten Jahren einen Gasboom ausgelöst. Zuletzt war etwa ein Drittel des in den USA verbrauchten Gases Schiefergas. Hinzu kommen noch Kohleflözgas mit etwa 10 % und Gas aus dichtem Gestein mit 25 %, deren Fördermengen sich aber kaum verändert haben. Der Boom basierte ausschließlich auf der Betrachtung des Schiefergases.

Auslöser waren hohe Energie- und Gaspreise, die das aufwendige und teure Förderverfahren zeitweise rentabel machten. Begünstigt wurde der massive Ausbau durch die Lockerung der Umweltgesetze 2005 im „Energy Policy Act“ der Bush-Cheney-Administration. Fracking wurde von Umweltrestriktionen des Trinkwasserschutzes ausgenommen, der Umweltbehörde wurde die Zuständigkeit entzogen und die Genehmigungsverfahren wurden praktisch abgeschafft. So konnte man in kurzer Zeit viel mehr bohren.

Genau das ist notwendig, um Schiefergas überhaupt in nennenswerten Mengen fördern zu können. Aus den Förderstatistiken lässt sich ablesen, dass je mehr Felder erschlossen sind und je höher die aktuelle Fördermenge ist, es umso schwieriger wird, die Fördermenge aufrechtzuerhalten. Es müssen ständig neue Felder erschlossen und mehr neue Bohrungen niedergebracht werden, weil die ausströmenden Gasmengen sehr schnell zurückgehen.

In den USA gibt es 14 große Schiefergasfelder und nur in zweien wird die Förderung noch ausgeweitet. In allen anderen stagniert sie oder geht bereits zurück. Die Bohrungen werden gerade weniger statt mehr, unter anderem, weil durch die Rezession in den USA der Gaspreis zwischenzeitlich wieder sank. Wenn der Gaspreis steigt, könnte zwar die Bohraktivität wieder zunehmen, aber die ergiebigsten Quellen sind dann bereits ausgebeutet. Man müsste dann viel mehr neu erschließen, um nur das alte Niveau zu erreichen, das ist nicht wahrscheinlich. Fazit: Der Shalegas-Boom in den USA dürfte bald vorbei sein.

Dass sich auch Firmen in Europa mit unkonventioneller Gasförderung beschäftigen, ist ein Eingeständnis dafür, dass die klassische Gasförderung in ihrem Einzugsbereich zurückgeht. Außerdem erwarten sie, dass die Preise steigen, denn Fracking ist sehr teuer. Nimmt man das WEO-2012-Szenario der IEA ernst, würde 2035 der Beitrag der unkonventionellen Gasförderung zum Gasverbrauch Europas bei 2 bis 3 % liegen. Für diese 17 Mrd. m3 Gas müsste man fünf Jahre lang jedes Jahr zwischen 600 und 800 Bohrungen neu erschließen. In ganz Europa werden derzeit 150 Bohranlagen für die Öl- und Gasförderung eingesetzt.

Hinzu kommt: Die besondere Geografie in den USA und die niedrige Besiedelungsdichte in Verbindung mit dem Wegfall des Umweltschutzes haben die Schiefergasförderung in nennenswertem Umfang erst ermöglicht. Die Situation in Europa ist eine völlig andere. Die Hoffnung, dass Schiefergas einen wichtigen Beitrag zur Versorgung leisten könnte und die Preise senken würde, sind laut Werner Zittel „gasgefüllte Seifenblasen“. TS

Gas aus Russland

Die großen erschlossenen Felder sind im Rückgang: Der Staatskonzern Gazprom hat 1989 seinen Förderhöhepunkt überschritten und die dama­lige Fördermenge seither nicht wieder erreicht. Damals war Gazprom der alleinige Förderer in Russland und die Förderung von Gas und Erdöl erreichte ihr ­Maximum.

Mit neuen Technologien und Investoren von außen konnte die Förderung wieder gesteigert werden, aber die Förderung in neuen Feldern im Norden und Osten wird immer schwieriger und teurer. Ein Aufrechterhalten der aktuellen Fördermenge könnte möglich sein, aber eine Ausweitung erscheint nicht realistisch.

Zugleich steigt der Verbrauch, sowohl in Russland selbst als auch die Nachfrage aus Asien. Für Russland ist das eine komfortable Situation, denn es kann sich die Kunden aussuchen. Derzeit ist zwar der Gaspreis in Europa niedrig, weil der Verbrauch aufgrund der Wirtschaftskrise eingebrochen ist. Doch in Zukunft könnte Russland die Preise diktieren. TS

Thomas Seltmann

ist seit zwanzig Jahren ­unabhängiger Experte und Autor für Energiefragen und war Projektmanager der Energy Watch Group. http://www.thomas-seltmann.de

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