TGA Sanitätechnik

TGA Ausgabe 01-2019
Neuer Markt mit sehr hohem Wachstum

Gebäudeentwässerung grabenlos sanieren


1 Abschätzung der in Deutschland verlegten Abwasserleitungen und -kanäle.

1  Abschätzung der in Deutschland verlegten Abwasserleitungen und -kanäle.

Für die grabenlose Kanalsanierung ist die Gebäudeentwässerung in Deutschland ein neuer Markt. Denn neben schadhaften erdverlegten Grund- und Anschlussleitungen gibt es auch bei Fall-, Küchen-, Bad- sowie innen verlegten Regenwasserleitungen einen enormen Sanierungsbedarf. Neuartige Schlauchlining- und Sprüh-Schleuder-Systeme, die speziell für diesen Anwendungsfall entwickelt wurden, kommen hierbei immer häufiger zum Einsatz. Das neue Geschäftsfeld, das oft komplett ohne Stemm- und Aufbrucharbeiten auskommt, entwickelt sich gerade sehr dynamisch.

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Das Prinzip der grabenlosen Sanierung von Abwasserkanälen steht inzwischen auch für horizontale und vertikale Abwasserleitungen innerhalb von Gebäuden inklusive DIBt-Zulassung für Schlauchlining- und Sprüh-Schleuder-Systeme zur Verfügung.

Eine punktuelle Reparatur oder komplette Neuverlegung der Abwasserleitungen kann damit umgangen werden. Seit zwei Jahren steigt die Zahl der Systemanbieter und vor allem die Zahl der der ausführenden Unternehmen.

Dass bereits ein hohes technisches Know-how im Markt existiert, mit dem auch sehr individuelle Projektanforderungen mit engen Zeitvorgaben bedient werden können, verdeutlichen ausgeführte Projekte.

Während sich die Länge der öffentlichen Kanalisation mit ca. 600 000 km aus statistischen Erhebungen gut ableiten lässt, sind valide Zahlen für die private Entwässerung kaum verfügbar. Die Fachwelt geht davon aus, dass die Länge der privaten Grundstücksentwässerung etwa das Zwei- bis Dreifache der öffentlichen Kanalisation beträgt, sodass von einer Länge von etwa 1,5 Mio. km ausgegangen werden kann Abb. 1.

Für die Gebäudeentwässerung im Bestand gibt es momentan keine Marktdaten. Fachleute von Fachverbänden, Rohrherstellern und der Industrie schätzen aber, dass in der Gebäudeentwässerung deutlich mehr Abwasserleitungen als im Erdreich verlegt sind. Anhand der Absatzzahlen wird davon ausgegangen, dass über 20 Mio. km Abwasserleitungen in Deutschland innerhalb von Gebäuden verlegt sind. Auch wenn keine statistisch belastbaren Zahlen verfügbar sind, ist bei der Sanierung der Gebäudeentwässerung von einem sehr hohen Marktpotenzial auszugehen.

Bisher gibt es keine Daten zu Schäden

Während aus statistischen Erhebungen und Pilotprojekten bekannt ist, dass etwa 20 % der öffentlichen Abwasserkanäle und vermutlich weit über 50 % der Grundstücksentwässerungen schadhaft sind, ist über den baulichen Zustand, die Schäden und die Schadensquoten in der Gebäudeentwässerung (noch) wenig bekannt.

Aus dem Handwerk ist zu vernehmen, dass sich die bekannten Schadensbilder bei älteren Rohren aus Guss oder Stahl insbesondere auf Korrosion, Risse, Inkrustationen und zum Teil undichte Rohrverbindungen konzentrieren Abb. 2 Abb. 3. Über Kunststoffrohre der ersten Generation, die etwa seit Ende der 1960er-Jahre eingesetzt wurden, wird berichtet, dass diese teilweise spröde geworden sind. Von vielen Faserzementleitungen ist bekannt, dass diese inzwischen häufig Undichtigkeiten, z. B. durch Risse und schadhafte Rohrverbindungen, aufweisen. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass in vielen Abwasserleitungsnetzen eine übliche Betriebsdauer von 50 Jahren heute (weit) überschritten ist.

Schon neun DIBt-zugelassen Systeme

Da die Neuverlegung schadhafter Abwasserleitungen innerhalb von Gebäuden sehr aufwendig und inklusive aller Nebenarbeiten sehr teuer ist, ist hier die grabenlose Sanierung mit Schlauchlining- und Sprüh-Schleuder-Systemen, also die Innensanierung ohne Stemm- und Aufbrucharbeiten, auf dem Vormarsch.

Sanierungssysteme, die in der Gebäudeentwässerung zum Einsatz kommen, müssen die an die Verfahren gestellten bautechnischen Anforderungen erfüllen, um eine allgemein gültige bauaufsichtliche Zulassung durch das Deutsches Institut für Bautechnik (DIBt) zu erhalten. Insbesondere müssen die eingesetzten Produkte die Anforderungen an die Baustoffklasse B2 für normalentflammbare Stoffe und eine ausreichende Temperaturbeständigkeit nachweisen (z. B. zur Abführung von heißen Küchenabwässern).

Durch das DIBt sind bereits neun Schlauchlining- und Sprüh-Schleuder-Systeme für den Einsatz innerhalb von Gebäuden bauaufsichtlich zugelassen, die eine Sanierung ohne Stemm- und Aufbrucharbeiten in diesem speziellen Anwendungsfall ermöglichen. Weitere Systeme sind aktuell noch nicht zugelassen, z. B. Kurzliner-Produkte.

70 % Wachstum 2018

Die grabenlose Sanierung der Gebäudeentwässerung mit Schlauchlining- und Sprüh-Schleuder-Systemen ist in Skandinavien seit über 15 Jahren Standard. Allein in Finnland wurden im Jahr 2017 in diesem Markt mit über 1000 gewerblichen Mitarbeitern in über 85 Firmen mehr als 120 Mio. Euro umgesetzt. Diese Zahlen auf Deutschland projiziert würden ein Marktvolumen von mehr als 1 Mrd. Euro/a bedeuten. Dabei ist zu beachten, dass Skandinavien schon zwei Schritte weiter ist, hier existiert nämlich bereits ein Markt für die proaktive Sanierung von Entwässerungsnetzen am Ende der sich abzeichnenden Nutzungsdauer, also schon bevor umfangreiche Schäden die Eigentümer zum Handeln zwingen.

Seit etwa zwei Jahren gibt es in Deutschland seitens verschiedener Akteure Aktivitäten zur Entwicklung des neuartigen Geschäftsfelds. So werden u. a. Immobilienbesitzern und -gesellschaften, der Industrie, Architekten, TGA-Fachplanern und Hochbauingenieuren die noch kaum bekannten technischen Möglichkeiten und Alternativen zur traditionellen Sanierung mit Stemm- und Aufbrucharbeiten bekannt gemacht.

Mit Erfolg: 2018 wurde bereits in zahlreichen Projekten die Gebäudeentwässerung von innen saniert. Anhand der Absatzzahlen der speziell für diesen Anwendungsfall entwickelten Produkte lässt sich ein Marktwachstum von über 70 % im Vergleich zum Vorjahr ableiten. Dies ist selbst zu Beginn der Markteinführung ein hoher Wert, da dahinter nicht nur der Verkauf von Produkten, sondern komplette Werkleistungen durch speziell ausgerüstete Dienstleister stehen. Mit der Erhöhung des Bekanntheitsgrads und durch die steigende Zahl geschulter Unternehmen dürfte das Wachstum auch in den nächsten Jahren sehr steil sein.

Ausblick

2019 ist in Deutschland und auch EU-weit mit einem weiteren Marktwachstum zu rechnen. Die Hersteller und Anwender der speziell für die Sanierung der Gebäudeentwässerung zugelassenen Bauprodukte werden die Bemühungen zur Entwicklung des Marktes weiter vorantreiben, z. B. durch Öffentlichkeitsarbeit bei Immobilienmessen und in Fachzeitschriften sowie Aufklärungsarbeit bei Eigentümer- und Fachzielgruppen.

Mit großer Wahrscheinlichkeit werden 2019 noch weitere Hersteller in den Markt eintreten, sich neue Anwender rüsten und auch die technische Weiterentwicklung der bisherigen Produkte voranschreiten. Den neuen Markt haben auch viele Fachverbände und die Regelwerksgeber im Blick. Bisher fehlen nämlich noch einheitliche Standards sowie Planungs- und Entscheidungshilfen für Auftraggeber, Auftragnehmer und Ingenieurbüros. Vor diesem Hintergrund wird derzeit auf europäischer Ebene durch das Europäische Komitee für Normung (CEN) eine EN-Norm speziell für diesen Bereich erarbeitet.

Auch mit der Veröffentlichung von nationalen Regelwerken und Arbeitshilfen u. a. vom Rohrleitungssanierungsverband (RSV) und vom Verband zertifizierter Sanierungsberater für Entwässerungssysteme (VSB) ist zu rechnen.

Mit diesen Maßnahmen werden bei Immobilienbetreibern die Bekanntheit der grabenlosen Methoden zur Sanierung der Gebäudeentwässerung und ihre Anwendung steigen.

2018 wurde eine Vielzahl von Projekten zur grabenlosen Sanierung der Gebäudeentwässerung mit Schlauchlining- und Sprüh-Schleuder-Systemen erfolgreich umgesetzt. Dabei wurden sowohl kleinere Baumaßnahmen, bei denen einzelne schadhafte Leitungen in einem Tageseinsatz saniert wurden, als auch komplexe Baumaßnahmen, bei denen komplette Entwässerungsnetze von Mehrfamilienhäusern mit Bauzeiten von mehreren Monaten, abgewickelt. Dass bereits ein hohes technisches Know-how im Markt existiert, mit dem auch sehr individuelle Projektanforderungen mit engen Zeitvorgaben bedient werden können, verdeutlichen die drei Projektberichte Abb. 4 bis Abb. 6.

Literatur

[1] Beck, S.: Innensanierung statt Neuverlegung – Inhouse-Sanierung von Abwasserleitungen. Stuttgart: Gentner Verlag, TGA 11-2017   791462

[2] Beck, S.: Abwasserleitungen: Innensanierung statt Neuverlegung – Inhouse-Sanierung in der Praxis. Stuttgart: Gentner Verlag, TGA 01-2018   800005

Inhaltsübersicht

  1. Teil: Gebäudeentwässerung grabenlos sanieren
  2. Teil: Candida Heinrich-Piras
  3. Teil: Gunter Kaltenhäuser
  4. Teil: Dipl.-Ing. Sebastian Beck
  • 2  Riss in einer Gebäudeentwässerungsleitung.

  • 3  Korrosion an einer Gebäudeentwässerungsleitung (rechte Leitung).

  • 4  Sanierung von 14 Schmutzwasser-Fallleitungen DN 125. Ausgeführt wurde die Sanierung im Zeitraum Januar bis März 2018 durch das Unternehmen CANN‘A‘QUA aus Bad Harzburg. Im Projekt wurden an jeweils einem Arbeitstag die bis zu 50 m langen Schmutzwasser-Fallleitungen inklusive Öffnung von bis zu 26 Zuläufen mit dem Schlauchlining-Verfahren saniert. Die Inversion erfolgte vom Dach in das Untergeschoss. Die Aushärtung erfolgte mit Heißdampf. Die Sanierung der senkrechten Leitung war innerhalb von 4 h abgeschlossen. Danach erfolgte das Öffnen der Zuläufe mit einem Spezialroboter von innen. Nach spätestens 8 h konnte die Entwässerung wieder in Betrieb genommen werden.

  • 5  Sanierung von 20 Regenwasser-Fallleitungen mit über 500 m Leitungslänge in drei Neubau-Objekten mit einem Schlauchlining-System von Juni bis September 2018. In dem von Gilles Kanaltechnik, Heimbach Vlatten, abgewickelten Projekt wurden falsch verlegte RW-Fallleitungen aus PE-HD saniert. Dabei musste gewährleistet werden, dass die Funktionsfähigkeit der vorhandenen Brandschutzmanschetten/Rohrabschottungen erhalten bleibt. Diese Anforderung wurde im Vorfeld durch umfangreiche Tests sichergestellt. Die Leitungen ab einer Nennweite DN 100 wiesen sehr verzweigte Verläufe mit teilweise mehr als vier 90°-Bögen auf weniger als 20 m Länge auf. Die Leitungen konnten mit dem Schlauchlining-Verfahren erfolgreich saniert werden. Die Aushärtung erfolgte aufgrund der vorhandenen Rohrabschottung bei Umgebungstemperatur.

  • 6  Sanierung von über 400 m defekten Fallleitungen mit dem Sprüh-Schleuder-Verfahren bei laufenden Wohnbetrieb in den Nennweiten DN 50 bis DN 70. Das Projekt wurde im Januar 2018 von R + M Umweltservice, Sindelfingen, mit dem Sprüh-Schleuder-Verfahren realisiert. Zunächst wurde eine Vorreinigung der Fallleitungen mittels Hochdruck und dem Brawo Vortex-Cutter durchgeführt. Anschließend wurden Leitungen, die jeweils eine Länge zwischen 4 und 20 m hatten, mit dem Sprüh-Schleuder-Verfahren unter Zuhilfenahme der Bürstentechnik saniert. 2018 hat R + M Umweltservice Abwasserleitungen in über 30 Objekten mit dem Sprüh-Schleuder-Verfahren saniert.

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