TGA-Newsletter: 21-2016 | 10.11.2016 (45.KW)

Regelwerk

Sachverständige kritisieren Normenflut

Es gärt schon seit einiger Zeit: DIN-Normen werden immer komplizierter und komplexer. Mit der Normenfülle steigen auch die Anforderungen, Bauwerke werden so verteuert. Eine einfache Anwendung der Regelwerke scheint unmöglich. So sah es der Bundesverband öffentlich bestellter und vereidigter sowie qualifizierter Sachverständiger (BVS) bei seiner letzten Delegiertenversammlung.

Der BVS kritisiert, dass mit der Normenflut ein Anforderungsniveau beschrieben werde, das in den meisten Fällen über dem Bedarf und über einer üblichen Gebrauchstauglichkeit liege. Im Entstehungsprozess seien primär interessierte Kreise – Lobbyisten und Industrie – und im Wesentlichen nicht betroffene Kreise eingebunden, sodass die Normungstätigkeit in verstärktem Maße durch wirtschaftliche Interessen beeinflusst wird.

„Durch den Deutschen Richter- und Staatsanwaltstag wurde erneut eine Diskussion initiiert, ob, und in welchem Maße DIN-Normen die technischen Sachverhalte als anerkannte Regeln der Technik widerspiegeln, die im Falle des Rechtsstreits bei Bauprozessen häufig die Grundlage der Urteilsfindung werden“, erklärt Dipl.-Ing. Helge-Lorenz Ubbelohde, BVS-Vizepräsident und öffentlich bestellter und vereidigter (ö.b.u.v.) Sachverständiger für Schäden an Gebäuden. Durch neue Normen, so kritisiert der BVS, sind langfristig bewährte technische Lösungen nicht mehr anwendbar. BVS-Tenor ist, dass der Bauprozess in Planung und Ausführung unnötig komplexer wird und durchdachte, vereinfachte Lösungen missen lässt. Nach Einschätzung des Verbands sind Kostenerhöhungen eine Folge. Damit verbunden sehen die öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen auch Auswirkungen auf die Bautätigkeit und eine Umstrukturierung des Marktes.

Norm nicht automatisch anerkannte Regel der Technik

Ubbelohde: „Öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige werden häufig, so auch bei Gericht, um ihre Einschätzung gebeten. Nicht wie oft angenommen, ist eine Norm tatsächlich auch eine anerkannte Regel der Technik. Hier gilt es zu differenzieren, wenn wir auch in der Praxis oft erleben, dass die Norm quasi mit der anerkannten Regel der Technik gleichgesetzt wird. Dies erklärt auch, warum in jedem Fall technisch fundiert begründet werden muss, dass im Einzelfall eine DIN-Norm nicht als allgemein anerkannte Regel der Technik gilt. Vor Gericht sind wir als Sachverständige deshalb gefragt, gleichzeitig aber gänzlich auf uns selbst gestellt. Richter, Rechtsanwälte und Juristen im Allgemeinen stellen sich bei Bemängelungen häufig die Frage, wie die allgemein anerkannten Regeln der Technik einzuschätzen ist. Hierin begründet sich häufig ein nicht unerhebliches Prozessrisiko, da eine Orientierung in der Einschätzung bezüglich des Regelwerks oder einer DIN- Norm nur selten gegeben ist.“

Es sollen Empfehlungen ausgesprochen werden

Der BVS sieht daher den dringenden Bedarf, aktiv zu werden. Insbesondere die BVS-Bundesfachbereiche Bau und Technische Gebäudeausrüstung setzen sich dafür ein. Ergebnis der BVS-Bundesdelegiertenversammlung ist, einen Deutschen Bausachverständigen Tag e.V. zu initiieren. Verbände der Bau- und Immobilienwirtschaft, Beratende Ingenieure sowie Mitglieder des Sachverständigenwesens und bezüglich der DIN-Normen betroffene Kreise rufen den Verein gemeinsam zur Qualitätssicherung ins Leben. Die Erstveranstaltung wird es voraussichtlich 2017 geben.

Ziel ist es, zu bewerten, ob eine Norm als allgemein anerkannte Regel der Technik anzusehen ist und ob eine Empfehlung ausgesprochen werden kann, eine DIN-Norm bauaufsichtlich einzuführen. So soll in einer den Baubeteiligten zugänglichen Dokumentation, als Ergebnis eine neutrale und unabhängige Sachverständigenmeinung formuliert werden, in welchem Maße neue Normen als anerkannte Regel der Technik anzusehen sind. Dieser Beschluss hat laut BVS historische Bedeutung, die Organisationsform wird aktuell erarbeitet. ■

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