TGA Sanitätechnik

TGA Ausgabe 12-2017
Thermische Desinfektionsverfahren und ihre Risiken für die Trinkwasserhygiene

Präventive Hitzeschaltung ohne fachliche Legitimation


1 Teilweise extreme Inkrustationen innerhalb von Rohrleitungen wirken für vorhandene Keime wie ein Schutzmantel. Maßstab der Temperaturmessung für eine Thermische Desinfektion müsste deshalb die Materialtemperatur an der Rohr-Außenwand sein.

1  Teilweise extreme Inkrustationen innerhalb von Rohrleitungen wirken für vorhandene Keime wie ein Schutzmantel. Maßstab der Temperaturmessung für eine Thermische Desinfektion müsste deshalb die Materialtemperatur an der Rohr-Außenwand sein.

Seit dem Erscheinen der DVGW-Arbeitsblätter W 556 und W 557 unterliegt die thermische Behandlung von Trinkwasser und Trinkwasser-Installationen einschneidenden Beschränkungen durch den Regelsetzer. Die restriktive Anpassung der Regelwerke fußt auf dem gegenwärtigen Kenntnisstand der Legionellenforschung: Sie bestätigt die Annahme, dass wiederholte Hitze-anwendungen zur vermeintlichen Sicherung der Trinkwasserhygiene langfristig als kontraproduktiv einzustufen sind.

Kompakt informieren

Aus wissenschaftlich gesicherten Belegen resultiert die Schlussfolgerung, dass thermische Verfahren, wie sie etwa im Rahmen automatisier-ter Legionellenschaltungen vielfach praktiziert werden, entgegen ihrer intendierten Funktion zu einer Erhöhung des Kontaminationsrisikos führen können.

Das Regelwerk zur Gewährleistung der Trinkwasserhygiene hat sich zwar schon an diesen neuen Erkenntnisstand angenähert, ihn aber noch nicht konsequent einfließen lassen.

Kern der Einschätzung, dass wiederholte Hitzeanwendungen zur vermeintlichen Sicherung der Trinkwasserhygiene langfristig als kontraproduktiv einzustufen sind, ist der inzwischen wissenschaftlich wie sanitärpraktisch belegte Nachweis eines durch regelmäßige thermische Penetration ausgelösten und geförderten Konditionierungseffekts bei Legionella pneumophila und anderen im Trinkwasser auftretenden Keimen.

Ebenso wie chemische Substanzen, die zu Desinfizierungszwecken eingesetzt werden, zählt Hitze zu jenen Einflussfaktoren, auf die Bakterien mit einer epigenetischen Adaption reagieren. Evolutionstheoretisch betrachtet, sichert diese Anpassungsleistung an ungünstige Umweltbedingungen bereits seit Jahrmilliarden das Überleben von Mikroorganismen. Ergebnis eines solchen, durch externe Einwirkungen hervorgerufenen Lernprozesses, ist die Ausbildung überlebensfördernder Schutzmechanismen, die sich in steigenden Toleranzen und Resistenzen gegenüber wiederholt auftretenden Stressfaktoren widerspiegeln.

Für das fakultativ human-pathogene Legionellenbakterium bestätigt die Grundlagenforschung derzeit bereits eine mögliche, lernabhängige Temperaturtoleranz von über 80 °C sowie die Replikationsfähigkeit oberhalb von 60 °C.

Die ermittelten Toleranzwerte erklären zugleich einen in Fachkreisen schon seit vielen Jahren wahrgenommenen Zusammenhang, der im Rahmen von praktischen Beobachtungen der Universität Tübingen belastbar untermauert wurde: eine Kausalität zwischen regelmäßig durchgeführten thermischen Behandlungen und dem Anstieg von KBE-Werten (KBE = Kolonie bildende Einheiten), dem Belastungsindikator für Legionellen.

Aus diesem nun wissenschaftlich gesicherten Beleg resultiert die Schlussfolgerung, dass thermische Verfahren, wie sie etwa im Rahmen automatisierter Legionellenschaltungen nach wie vor vielfach praktiziert werden, entgegen ihrer intendierten Funktion zu einer Erhöhung des Kontaminationsrisikos führen können.

Restriktionen für den Hitzeeinsatz

Ein wichtiges Signal setzte der DVGW durch zwei relevante Eingriffe in die Arbeitsblätter Hygienisch-mikrobielle Auffälligkeiten in Trinkwasser-Installationen: „Methodik und Maßnahmen zu deren Behebung“ (W 556 [1]), das vereinfacht auf die Trinkwasserbehandlung verweist, sowie „Reinigung und Desinfektion von Trinkwasser-Installationen“ (W 557 [2]), welches sich mit der Anlagendesinfektion beschäftigt.

Im Ergebnis führen beide Anpassungen zu weitreichenden Konsequenzen für die Planung und den Betrieb von Trinkwasser-Installationen, denn: Weder die regelmäßige thermische Behandlung des Trinkwassers ohne Indikation einer Kontamination, noch die einer Trinkwasserversorgungsanlage entsprechen den allgemein anerkannten Regeln der Technik. Damit stehen beide nicht mehr als vorbeugende Verfahren zur Sicherung der Trinkwasserhygiene zur Verfügung und lassen sich auch nicht als vermeintlich kompensatorisches Werkzeug bei Planungs-, Bau- und Betriebsmängeln einsetzen.

Während jedoch die DVGW-Projektkreise das Aufheizen des Trinkwassers gemäß W 556 grundsätzlich als nicht zielführend bewerten, gilt die Hitzebehandlung der Anlage als weiterhin legitim, sofern dafür zwei wesentliche Prämissen erfüllt sind:

  1. Im Vorfeld der Anwendung des Verfahrens wurde eine Kontamination auf Basis mikrobiologischer Untersuchungen festgestellt und
  2. alle infrage kommenden bau- und betriebstechnischen Behebungsversuche sind als gescheitert zu beurteilen.

Individuelle Planung und Kontrolle thermischer Behandlungen

Prinzipiell sollte auch der Einsatz von Hitze – analog zu chemischen Desinfektionsverfahren – stets dem Geist des Minimierungsgebotes (vgl. § 6, Abs. 3, TrinkwV 2001, Trinkwasserverordnung) folgen und ausschließlich im Sinne einer letzten Konsequenz für den Einzelfall vorgesehen werden.

Zwar wurden die hierbei einzuhaltenden Verfahrensparameter im DVGW-Arbeitsblatt W 557 nuanciert neu formuliert (demnach ist eine Anlagenbehandlung nun länger als statt mindestens 3 min bei mindestens 70 °C durchzuführen). Bedauerlicherweise hielt man aber weiterhin an diesen beiden Parametern fest, die vor dem Hintergrund nachgewiesener Temperaturtoleranzen von über 80 °C als kaum sinnhaft erscheinen.

Mit Blick auf den fortgeschrittenen Wissensstand muss also davon ausgegangen werden, dass die im Regelwerk fixierten Werte für eine wirksame, umfassende Eliminierung von Legionellen unter Umständen unzureichend sind.

Streng ergebnisorientierte Maßnahmen erfordern deshalb immer eine fallspezifische Festlegung ihrer Behandlungsfaktoren sowie eine strikte Kontrolle ihrer faktischen Effektivität. Dokumentations-Tools der Gebäudeleittechnik können hier eine sinn-volle Unterstützung leisten: Sie dienen nicht nur der Nachweisbarkeit durchgeführ-ter Verfahren, sondern liefern darüber hinaus wichtige Daten für die Ursachenanalyse und die Planung von Korrekturmaßnahmen im Falle eines gescheiterten Dekontaminationsversuchs.

Literatur

[1] DVGW-Arbeitsblatt W 556 Hygienisch-mikrobielle Auffälligkeiten in Trinkwasser-Installationen – Methodik und Maßnahmen zu deren Behebung. Bonn: Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches, Dezember 2015

[2] DVGW-Arbeitsblatt W 557 Reinigung und Desinfektion von Trinkwasser-Installationen. Bonn: Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches, Oktober 2012

Inhaltsübersicht

  1. Teil: Präventive Hitzeschaltung ohne fachliche Legitimation
  2. Teil: Wichtig für TGA-Planer, Anlagenbauer und Betreiber
  3. Teil: Reinhard Bartz
  • 2  Für die nachweisbare Wirksamkeit einer Thermischen Desinfektion ist der korrekte Ablauf der Maßnahme entscheidend. Sämtliche Parameter (Temperatur/Zeit) sollten genauesten protokolliert werden.

  • 3  Die Protokollierung ermöglicht die gründliche Auswertung und Einschätzung des Erfolgs respektive Scheiterns der Thermischen Desinfektion. Daraus lassen sich Optimierungsmöglichkeiten ableiten.

  • 4  Das Beispiel einer Krankenhaus-Trinkwasserinstallation zeigt, dass die Thermische Desinfektion hier ein ungeeignetes Mittel der Dekontamination ist, wenn nicht an allen Entnahmestellen ein Verbrühungsschutz gewährleistet werden kann.

  • 5  In Schulen und Kindergärten hingegen ist aufgrund der temporären Nichtnutzung die Thermische Desinfektion unter der Bedingung der technischen Machbarkeit durchaus realisierbar.

Franke Aquarotter GmbH

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