TGA Energiewende

TGA Ausgabe 02-2012
Shell Hauswärme-Studie

Sanierungspläne für 744.000.000.000 Euro

Abb. 1 Die Shell Hauswärme-Studie ist im Dezember 2011 veröffentlicht worden und steht als Kurz- und Langfassung als PDF-Download auf: www.shell.de/hauswaermestudie (Quelle: Shell)
Abb. 1 Die Shell Hauswärme-Studie ist im Dezember 2011 veröffentlicht worden und steht als Kurz- und Langfassung als PDF-Download auf: www.shell.de/hauswaermestudie

Die Bundesregierung will die Quote bei der energetischen Gebäudesanierung ver­doppeln, denn den rund 40 Mio. Haushalten in Deutschland kommt eine Schlüsselrolle bei der Energiewende zu. Doch welche Strategie ist am günstigsten, welche am wirkungsvollsten? Umfassende Vollsanierungen oder eher schrittweise Teilsanierungen?

1995 hatte Heizöl als Wärmeenergieträger für Wohnungen einen Marktanteil von fast 38 %. Bis 2008 ist dieser um über zehn Prozentpunkte abgeschmolzen, der Trend setzt sich fort. Auch die Absatzmengen erodieren, denn neue Ölheizungen werden immer effizienter, der spezifische Energieverbrauch sinkt durch energetische Modernisierungen und im Neubau liegt die Ausrüstungsquote mit Heizöl unter 2 %. Da wundert es kaum, dass ein mit Mineralöl groß gewordenes Unternehmen gerne genau wissen möchte, wie sich die Nachfrage künftig entwickeln wird. Zumal die Bundesregierung mit ihrem Energiekonzept einen nahezu klimaneutralen1) Gebäudebestand bis 2050 durchsetzen will.

So hat das Energieunternehmen Shell im Dezember 2011 in Zusammenarbeit mit dem Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) seine erste Shell Hauswärme-Studie2) vorgelegt. „Nachhaltige Wärmeerzeugung für Wohngebäude – Fakten Trends und Perspektiven“ gliedert sich in zwei Teile.

Der erste Teil analysiert die technischen Entwicklungspotenziale bei der Bereitstellung von Hauswärme. Dafür werden die Komponenten der Wärmerzeugung, -verteilung und -übergabe, die technischen Potenziale unterschiedlicher bzw. alternativer Brennstoffe und Wärmeenergieträger sowie der bauliche Wärmeschutz betrachtet.

Im zweiten Teil der Studie wird die Nach­haltigkeit der künftigen Hauswärmeversorgung mithilfe von Szenarien erforscht. Dazu werden die aktuelle Ausgangslage des Wohn- und Hauswärmemarktes aufbereitet und die wichtigsten Determinanten künftiger Ent­wicklungen skizziert. Anschließend werden Entwicklungspfade für Hauswärme bis in das Jahr 2030 prognostiziert. Dabei werden mehrere Szenarien der energetischen Gebäude­modernisierung berechnet und miteinander verglichen.

Szenarien

Die Wohnfläche wird bis 2030 trotz sinkender Bevölkerung gegenüber 2008 um gut 10 % ausgeweitet. Bis 2030 werden rund 16 % der Wohnfläche durch Abriss und Neubau energetisch modernisiert. Der Endenergieverbrauch ohne Sanierung des Wohnbestands würde im Vergleich zu 2008 um 10,4 % zurückgehen; die Treibhausgasemissionen sinken um 9,5 %.

Trend…

84 % der Wohnfläche des Jahres 2030 stammen aus dem heutigen Wohnungsbestand. Darum kommt der energetischen Sanierung von Bestandswohnungen große Bedeutung zu. Das einfachste Modernisierungsszenario wäre eine Fortschreibung des heutigen Trends – mit bisheriger Sanierungsrate von 1 % und bisheriger Sanierungstiefe. In diesem Fall würden der Energieverbrauch bis 2030 um 26,2 % und die jährlichen Treibhausgasemissionen um 27 % sinken. Die damit verbundenen Investitionskosten belaufen sich auf 386 Mrd. Euro.

…und Trendbeschleunigung

Im Szenario Trendbeschleunigung wurde angenommen, dass es gelingt, die Sanierungsrate auf 2 % zu verdoppeln. Dadurch steigen die Energieeinsparungen bis 2030 auf 33,7 % und die Reduktion der jährlichen Treibhausgasemissionen auf 39,2 %. Die für die Einsparungen notwendigen Investitionskosten belaufen sich auf 744 Mrd. Euro und liegen damit etwa doppelt so hoch wie im Trendszenario. Betrachtet man die kumulierten Treibhausgasemissionen bis 2030, so beträgt der Unterschied zwischen Trend und Trendbeschleunigung 10,6 %.

Schnell oder Umfassend

Um die Sanierung zu beschleunigen, müssen gegebenenfalls staatliche Anreize gesetzt werden. Dabei stellt sich die Frage nach dem Umfang der einzelnen Sanierungsmaßnahmen. Da Budgetrestriktionen – für Regierungen wie für private Haushalte – eine große Rolle spielen, muss die energetische Sanierung möglichst (kosten)effizient durchgeführt werden.

Um die Effizienz verschiedener Sanierungsstrategien zu beurteilen, wurden in der Shell Hauswärme-Studie zwei weitere Szenarien mit gegebenen Sanierungskosten von 744 Mrd. Euro (Ergebnis aus dem Szenario Trendbeschleunigung bis 2030) berechnet, das Szenario Schnell und das Szenario Umfassend. Bei Schnell wird schrittweise mit günstigen Maßnahmen eine größere Fläche saniert, als bei Umfassend, wo grundsätzlich bei jeder einzelnen Sanierung das technisch Maximale umgesetzt wird.

Überraschendes Ergebnis

Im Szenario Schnell können bei einer durchschnittlichen Sanierungsrate von 2,5 % über 2 Mrd. m2 saniert werden, im Szenario Umfassend bei einer Sanierungsrate von 1,6 % nur 1,3 Mrd. m2 (aktuell existiert ein Wohnflächenbestand von 3,4 Mrd. m2). Bei der schnellen Sanierung werden bis 2030 rund 39 % der Treibhausgasemissionen eingespart, bei der höheren Sanierungstiefe 43,8 %. Die bis 2030 kumulierten Emissionen unterscheiden sich etwas geringer. Insofern hat die vollständige Sanierung einen Vorteil – wäre also eine kosteneffiziente Sanierungsstrategie. Im Szenario Schnell wird der Endenergiebedarf um 36,4 % und im Szenario Umfassend um 39,5 % vermindert.

An vielen Stellen dürfte man mit einem anderen Ergebnis gerechnet haben. Bisher wird häufig argumentiert, dass mit kleineren Maßnahmen bei gegebenem Gesamtbudget mehr oder ein identisches Ergebnis zu geringeren Kosten erreicht wird. Dieses wird gerne dafür benutzt, um die „richtige“ Sanierungsabfolge zu proklamieren. Auf längere Sicht geht die Rechnung aber nicht auf.

Nun muss man anders argumentieren. In der Kurzfassung der Studie heißt es dazu, dass die höheren Einsparungen auf den ersten Blick dafür sprechen, insbesondere die umfassende Sanierung zu fördern. Die umfassende Sanierung erfordere jedoch hohe Investitionen in eine relativ kleine Fläche. Insofern müssten wenige Haushalte hohe Investitionskosten tragen. Dies könnte selbst bei hoher staatlicher Förderung dazu führen, dass die angestrebte Sanierungsrate nicht erreicht wird.

Das dürfte allerdings genauso für (die Förderung von) Teilsanierungsmaßnahmen gelten. 744 Mrd. Euro verteilt auf 2 Mrd.m2 ergibt Sanierungskosten von 372 Euro/m2. Mit einer Wohnfläche von rund 42 m2/Pers ergeben sich 15624 Euro/Pers. Würde man 744 Mrd. Euro Sanierungskosten auf 81,8 Mio. Bundesbürger umlegen, wären es 9095 Euro/Pers. 4719 Euro/Pers ergeben sich allerdings bereits aus der Trendfortschreibung. Jochen Vorländer

1) Die rund 18 Mio. Feuerungsanlagen in Haushalten verursachten im Jahr 2010 Treibhausgasemissionen von ca. 113 Mio. t CO2-Äquivalent; das waren 14,2 % der direkten energiebedingten Treibhausgas­emissionen in Deutschland. (Quelle: Shell Hauswärme-Studie).

2) Die Shell Hauswärme-Studie bezieht sich ausschließlich auf die Beheizung von Wohngebäuden ohne Trinkwassererwärmung und ohne Klimatechnik.

  • Abb. 2 Vollsanierung in einem Durchgang oder mehrere Teil­sanierungen? Unterm Strich sind Voll­sanierungen kosten­effizienter. Aber lässt sich über eine entsprechende ­Konzentration von Förder­mitteln die Sanierungsquote auch steigern?
JV
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