TGA Meinung

TGA Ausgabe 07-2013
Angespannte Weltenergieversorgung

Bereits in Sicht: Der fossile Energie-Peak

Abb. 1 Weltenergie­versorgung Die Förderung der ­Energierohstoffe Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran steht weltweit betrachtet kurz vor dem Maximum, wahrscheinlich noch vor dem Jahr 2020. (Quelle: Energy Watch Group / LBST )
Abb. 1 Weltenergie­versorgung Die Förderung der ­Energierohstoffe Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran steht weltweit betrachtet kurz vor dem Maximum, wahrscheinlich noch vor dem Jahr 2020.

Viele Prognosen gehen davon aus, dass der weltweite Energieverbrauch angetrieben vom Wirtschaftswachstum die nächsten Jahrzehnte deutlich ansteigen wird. Dabei werden häufig sehr niedrige Energiepreise unterstellt. Eine aktuelle Studie der Energy Watch Group verdeutlicht, dass dies mit den fossilen und nuklearen Energieträgern nicht zu leisten sein wird. Nur mit gigantischem Aufwand ließe sich der bevorstehende Rückgang verzögern, dadurch aber den unvermeidlichen Abstieg steiler machen. Mit dem herannahenden fossilen Energie-Peak werden sich die Energiepreise wohl dauerhaft erhöhen.

Noch vor Ende dieses Jahrzehnts könnte die weltweite Versorgung mit allen fossilen Energieträgern und mit Uran ihren Höhepunkt überschreiten Abb. 1 . Schon jetzt ist die Versorgungslage sehr angespannt, entgegen der in letzter Zeit in der Öffentlichkeit kommunizierten Prognosen. Das zeigt eine neue Studie der Energy Watch Group, in der erstmals die wahrscheinlichen Förderprofile aller konventioneller Energieträger – Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran – zusammengefasst werden.

Konventionelles Erdöl: schon rückläufig

Seit dem Jahr 2005 hat demnach die Erdölförderung bereits ihren Höhepunkt erreicht und verweilt mit Schwankungen auf einem Plateau Abb. 2. Die konventionelle Erdölförderung befindet sich seit 2008 sogar im Förderrückgang, der bislang nur durch besonders aufwendige und teure („unkonventionelle“) Fördermethoden kompensiert werden konnte. Neue Felder, nicht nur beim Erdöl, liefern jedoch meist auch eine schlechtere Qualität, mehr Schadstoffe, sind kleiner und immer schwieriger und mit immer mehr Energieaufwand zu erschließen.

Auch die konventionelle Erdgasförderung ist weltweit in vielen Teilen der Welt bereits im Rückgang, besonders in Europa und Nordamerika. Die detaillierte Untersuchung vieler Förderregionen führt in der Energy-Watch-Group-Studie zu dem Schluss, dass bereits vor 2020 auch die weltweite Erdgasförderung ihren Höhepunkt überschreiten könnte Abb. 3.

Schiefergas: Kein weltweiter Boom

Daran ändert auch der aktuelle Schiefergasboom in den USA nichts. Er beruht auf einer Sondersituation und einer Förderdynamik, die sich nur vorübergehend aufrechterhalten lässt, wie genaue Untersuchungen der Förderregionen zeigen. In Texas beispielsweise, wo zurzeit am meisten Schiefergas gefördert wird, hat die Förderung ihr Maximum bereits überschritten. Die gesamte Gasförderung ist in dem US-Bundesstaat nach neuesten Zahlen allein im Jahr 2012 um 20 % zurückgegangen (weitere Hintergründe: siehe Info-Kasten).

Die Energy Watch Group erwartet deshalb, dass die Schiefergasförderung in den USA ab 2015 nicht weiterwächst, sondern sehr schnell stark zurückgehen wird. Die bisher in den USA gemachten Erfahrungen lassen sich außerdem aus vielen Gründen nicht auf andere Länder übertragen. Die Hoffnungen auf einen weltweiten Boom des unkonventionellen Erdgases erscheinen deshalb unbegründet.

Kohle: international kaum gehandelt

Dagegen gelten die weltweiten Kohlevorräte als reichlich. Oft wird sogar behauptet, die Vorräte würden eine problemlose Versorgung für Jahrhunderte sichern. Doch auf dem Weltmarkt wird nur ein kleiner Teil der geförderten Kohle gehandelt. Das meiste verbrauchen die Förderstaaten selbst. Inzwischen ist auch China, das Land mit der größten Kohleförderung vom Exporteur zum Importeur geworden. Hauptsächlich zwei Länder versorgen den Weltmarkt: Australien und Indonesien. Doch die Qualität der Kohle ist dramatisch gesunken. In spätestens zehn bis zwanzig Jahren ist der weltweite Förderhöhepunkt zu erwarten.

Beim Uran wird derzeit ein Teil des Bedarfs aus Lagerbeständen und dem Rückbau von Atomsprengköpfen gedeckt. Der bisherige Förderhöhepunkt bergmännisch abgebauten Urans lag in den 1980er-Jahren. Im besten Fall wird es gelingen, die bestehenden und einige neue Kernkraftwerke noch einige Zeit mit Brennstäben zu versorgen. Ein massiver Ausbau der Kernenergie würde an fehlendem Uran scheitern.

Fasst man die Szenarien zusammen, ergibt sich ein wahrscheinlicher Förderpeak aller konventionellen Energieträger zwischen 2015 und 2020. Auf den Förderhöhepunkt folgt der Rückgang und damit dauerhaft hohe und möglicherweise weiter steigende Preise, weil das Angebot nicht mehr die Nachfrage decken kann. Spätestens dann werden nur noch diejenigen Verbraucher beliefert, die in der Lage sind, hohe Preise zu zahlen.

Zittel: „Wir müssen zügig umsteuern“

Über weitere Konsequenzen und Bewertung sprach Thomas Seltmann mit dem Studienautor Dr. rer. nat. Werner Zittel Abb. 4, Ludwig-Bölkow-Systemtechnik.

Seltmann: Herr Zittel, in der neuesten Studie für die Energy Watch Group zeigen Sie auf, dass die weltweite Energieversorgung aus konventionellen Energien an ihre Grenze stößt, in den nächsten Jahren sogar zurückgehen könnte. Was bedeutet das für die Energieverbraucher?

Zittel: Schon in den letzten Jahren ist der Verbrauch in den klassischen Industrieländern nicht mehr gestiegen, sondern in Teilbereichen sogar gesunken. Was die Förderung von Erdöl betrifft, dem nach wie vor wichtigsten Energieträger, haben die Förderländer unter den Industriestaaten auch ihren Förderhöhepunkt bereits hinter sich.

Seltmann: Wie ist die Situation in den Nicht-Industrieländern?

Zittel: Die aufstrebenden Schwellen- und Entwicklungsländer, insbesondere China, setzen ihr Wirtschaftswachstum und die Zunahme ihres Energieverbrauchs ungebrochen fort und haben ihre Energieimporte massiv ausgebaut. Dadurch ist in den Industriestaaten der Verbrauch teilweise eingebrochen. Derzeit ist der Energieverbrauch der Industriestaaten etwa genauso hoch wie der Verbrauch der anderen Länder. Wenn ihr Verbrauch weiter steigen soll, geht das nur durch weiter sinkenden Verbrauch in den Industriestaaten.

Seltmann: Das gilt aber doch nur unter der Voraussetzung, dass es bei konventio­nellen Energieträgern bleibt, also Erdöl, ­Kohle, Erdgas?

Zittel: Dort wo weniger fossile Energien verbraucht wurden, hatte das bisher weniger mit dem Ersatz durch erneuerbare Energien zu tun, sondern mehr mit dem Verbrauchsrückgang. Die erneuerbaren Energien wachsen noch nicht im notwendigen Umfang. Man muss sich mal vorstellen, mit welch ungeheurem Aufwand der fossile Energieverbrauch bis heute in solche Höhen geschraubt wurde, dass die Versorgung jetzt einen Erschöpfungszustand erreicht. Künftig können die konventionellen Energieträger nicht mehr die Grundlage für weiteres Wirtschaftswachstum sein. Wir müssten uns also entscheiden: Entweder Wirtschaftswachstum beenden oder ganz schnell Wachstum aus ­anderen Energiequellen speisen.

Seltmann: Es wird oft gesagt, die Ölförderung ließe sich weiter steigern…

Zittel: Die Ölindustrie betreibt gigantische Anstrengungen, die aktuelle Fördermenge zu halten. Seit Jahren befindet sich die globale Fördermenge auf einem Plateau. Die Umstände der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko um die Ölplattform „Deepwater Horizon“ sprechen Bände. Die Frage ist jetzt, wie lange kann man den Rückgang noch hinausschieben. Wir haben keinerlei Fakten gefunden, die eine Annahme stützen würden, dass sich dieses Niveau künftig halten lässt oder die Fördermenge sogar noch gesteigert werden könnte.

Seltmann: Wann rechnen Sie mit dem Rückgang der Ölförderung?

Zittel: Wir haben in einer früheren Studie den Höhepunkt der Ölförderung auf das Jahr 2006 datiert. Für das konventionelle Erdöl hat die Internationale Energieagentur IEA diesen Zeitpunkt inzwischen bestätigt. Wir rechnen damit, dass die Förderung ab jetzt zurückgeht. Das könnte aber auch später stattfinden, je nachdem welche Anstrengungen man technisch und kostenmäßig betreibt. Ich würde den Rückgang aber schon vor 2020 erwarten.

Seltmann: Warum lässt sich der Zeitpunkt des Förderrückgangs nicht genauer bestimmen?

Zittel: Das eigentliche Problem ist: Je weiter der Förderrückgang mit hohem technischen und finanziellen Aufwand hinausgeschoben wird, umso steiler wird der Abstieg. Das ist wie bei einem Schwamm. Den können Sie langsam oder schnell ausdrücken. An der Gesamtmenge, die heraustropft, ändert das nichts. Für die Stabilität der Wirtschaft und Gesellschaft wäre es aber verträglicher, den Schwamm langsamer auszupressen und den Rückgang frühzeitig einzuleiten. Würde man akzeptieren, dass der Höhepunkt überschritten ist, könnte der Abstieg sanfter verlaufen und ließe sich geordnet durchführen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Informationen über die Energy Watch Group, alle Studien und zusätzliche Materialien sind online verfügbar unter:

http://www.energywatchgroup.org

Inhaltsübersicht

  1. Teil: Bereits in Sicht: Der fossile Energie-Peak
  2. Teil: Hätten Sie das gewusst?
  3. Teil: Welche Rolle spielt Schiefergas?
  4. Teil: Gas aus Russland
  5. Teil: Thomas Seltmann
  • Abb. 2 Weltweite ­Erdölförderung Erdöl ist noch immer der wichtigste Energie­rohstoff. Der Rückgang der Erdölförderung wird die Gesamtversorgung mit fossiler Energie maßgeblich beeinflussen.
  • Abb. 3 Weltweite ­Erdgasförderung Erstmals hat die Energy Watch Group auch die weltweite Förderung von Erdgas untersucht. Wie Erdöl wird auch dieser Energierohstoff in wenigen Jahren seinen Förderhöhepunkt erreichen.
  • Abb. 4 Werner Zittel: „Je weiter der Förderrückgang mit hohem technischen und finanziellen Aufwand hinausgeschoben wird, umso steiler wird der Abstieg. Das ist wie bei einem Schwamm. Den können Sie langsam oder schnell aus­drücken. An der Gesamtmenge, die heraustropft ändert das nichts.“
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