TGA Leitartikel

TGA Ausgabe 10-2016
Zentralheizung vs. Fern- und Nahwärme

Ad-absurdum-Studie

» In der Branche existiert ein komisches Verständnis für die Energiewende. Statt sich mit den Möglichkeiten für eine Zielerreichung zu beschäftigen, wird versucht, die bisherigen Geschäftsmodelle mit widersinnigen Studien zu sichern. «

Fernwärme muss man nicht mögen, auch Nahwärme nicht. Weiten Teilen der TGA-Branche, die ihr Kerngeschäft mit Zentralheizungen abwickeln, ist Fernwärme aber ein Dorn im Auge. So gibt es inzwischen eine Reihe von Studien, die Fern- und Nahwärme kritisch hinterfragen.

Jüngster Zugang ist die Studie „Dezentrale vs. zentrale Wärmeversorgung im deutschen Wärmemarkt“, in der beide Formen der Gebäudebeheizung verglichen werden. Die Aufraggeber melden dazu folgende Ergebnisse: Mit sanierten Einzelheizungen lassen sich die energiepolitischen Ziele der Bundesregierung günstiger erreichen als mit Nah- und Fernwärmenetzen. Zugleich ist die Fernwärme für die Verbraucher in der Regel mit höheren Heizkosten verbunden.

Darum sei eine generelle, politische Bevorzugung von Wärmenetzen nicht gerechtfertigt. Derzeit werde der Wärmenetzausbau mit 250 Mio. Euro pro Jahr gefördert, kritisieren die Auftraggeber: Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie (BDH), das Institut für Wärme und Oeltechnik (IWO), der ZVSHK, der Deutsche Energieholz- und Pellet-Verband (DEPV), der Industrieverband Haus-, Heiz und Küchentechnik (HKI) sowie die Initiative Pro Schornstein (IPS).

Die Studie sagt aus, dass der Ausbau von Wärmenetzen in bestimmten Fällen sinnvoll ist, bezogen auf den deutschen Gebäudebestand mit 18 Mio. Häusern sei er aber weder aus Sicht des Klimaschutzes noch aus finanziellen Erwägungen eine massentaugliche (flächendeckende) Lösung. Das ist eine wenig überraschende Antwort auf eine Frage, die bisher niemand gestellt hat. Es werden sogar Zahlen geliefert: „Gesamtwirtschaftlich betrachtet wäre die netzgebundene Wärmeversorgung aller Bestandsgebäude über einen Zeitraum von 20 Jahren um 250 Mrd. Euro teurer als bei einer Erneuerung durch dezentrale Heizungen.“

Dabei wäre dieser Vergleich gar nicht notwendig gewesen: „Eine Sanierung mit dezentralen Heizungssystemen bietet in allen untersuchten Gebäudevarianten und Versorgungsgebieten wirtschaftliche Vor-teile gegenüber einer Sanierung mit zentralen, wärmenetzgebundenen Versorgungssystemen“, heißt es in der Untersuchung, die von wissenschaftlichen Teams um Prof. Dr. Bert Oschatz vom Institut für Technische Gebäudeausrüstung Dresden (ITG) und Prof. Dr. Andreas Pfnür, Forschungscenter Betriebliche Immobilienwirtschaft (FBI) an der TU Darmstadt, erstellt wurde.

Oschatz kennt und schätzt man in der Branche. An Pfnür wird man sich eventuell erinnern. Im Auftrag des IWO hat er 2013 prognostiziert, dass die energetische Sanierung der Wohnhäuser zu Armut führt, die einkommensschwache Mieter und Eigentümer und in der Folge Gemeinden und Bund hart treffen wird. „2,1 Bio. Euro – wer bietet mehr?“ kommentierten wir an dieser Stelle seine Studie (  550916), die vielfach heftig kritisiert wurde. Die aktuelle Studie wurde von Die Welt in einem Artikel mit „Krieg auf dem Wärmemarkt“ überschrieben. Zu der völlig unrealistischen Fernwärme-Vollversorgung wird Pfnür in dem Artikel zitiert: „manchmal muss man eben ein wenig überspitzen, um die Effekte zu zeigen.“

In Berlin wird man über dieses Zitat dankbar sein, hat man doch so einen Grund, die Studie auf den großen Haufen zu legen. Das ist eigentlich schade, denn für die Studie wurde nur die falsche Frage gestellt. Die Ergebnisse in den gewählten Szenarien zeigen, dass sich der nahezu klimaneutrale Gebäudebestand wirtschaftlich realisieren lässt. Wer es nicht glaubt, kann beim IWO in die Projekt-Auswertung der Aktion „Energie-Gewinner“ schauen.

Jochen Vorländer, Chefredakteur TGA Fachplaner vorlaender@tga-fachplaner.de · www.tga-fachplaner.de

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