TGA Leitartikel

TGA Ausgabe 08-2017
Wärmewende

Ist ein Fuel-Switch realistisch?

» Grünes Gas ist eine plausible Option für die größten Herausforderungen der Energiewende. Viele Branchenunternehmen hoffen auch auf grünes Gas für die Wärmewende. Dafür müsste die Politik jetzt die Weichen stellen. «

Die Pariser und Berliner Klimaschutzziele geben einen weitgehend klimaneutralen Gebäudesektor bis 2050 vor – wodurch hier eine grundlegende energetische Transformation des Wärmemarkts unausweichlich ist. Uwe Bauer, stellvertretender Leiter des DVGW-Lenkungskomitees Gasanwendung, warb Anfang August 2017 im DVGW-Expertenforum Wärmemarkt dafür, den Systemwechsel in drei Schritten zu vollziehen:

Primär durch die Substitution von Erdöl und Kohle durch klimafreundlichere Gase (Fuel-Switch) begleitet durch eine flächendeckende Nutzung energieeffizienter Heiztechnik. Als zweiten Schritt soll der Anteil erneuerbarer Energien, insbesondere grüner Gase zur Wärmeerzeugung im Gebäudebereich, kontinuierlich gesteigert werden. Die Transformation würde dann durch „die Entwicklung des Wärmesektors hin zu einem aktiven Bestandteil des Sektoren übergreifenden Energiesystems – unter anderem durch stromerzeugende Heizungen“ vollendet.

Mit dem Konzept putzt die Gaswirtschaft schon seit einigen Jahren Klinken, hat es aber in der Energiepolitik nicht tief verwurzeln können. Doch ohne Unterstützung der Politik lässt es sich schwerlich umsetzen. So fordert Bauer u. a. Ordnungsrecht, dass „die Neuinstallationen von Öl-Heizungen zügig beendet“ sowie Anreizmechanismen für einen Umstieg auf Mikro-KWK-Anlagen und Hybridsysteme, wie die Kombination von Wärmepumpe und Gas-Brennwert. Bauer: „Um langfristige Planungssicherheit zu schaffen, ist es unerlässlich, eine klare politische Agenda dazu zu entwickeln, wie grüne Gase und damit neue Technologien im Wärmesektor eingesetzt und forciert werden sollen.“

Mit dieser Bedingung kann man das Konzept praktisch beerdigen. Es ist kaum vorstellbar, dass Berlin einen Rahmen schafft, der die notwendige Aufbruchsstimmung erzeugt. Zudem muss man sich fragen, ob das Konzept überhaupt zielführend ist – oder nur Scheinerfolge für die Dekarbonisierung bringt. Alle Schritte bewirken zwar eine Verringerung der CO2-Emissionen. Das eigentliche Ziel ist jedoch ein klimaneutraler Gebäudebestand, was eine Garantie erfordert, dass Gas bis 2050 weitgehend und später vollkommen klimaneutral und kosteneffizient zur Verfügung steht.

Technisch ist dies mit Power-to-Gas bereits heute möglich, wie Pilotanlagen demonstrieren. Ein Hindernis ist, dass die Wettbewerbsfähigkeit vermutlich erst nach 2030 erreicht werden kann und die Geschwindigkeit der Kostenreduktion auch von politischen Signalen abhängig ist. Zu beachten ist auch, dass eine Stromversorgung mit erneuerbaren Energien während einer „kalten Dunkelflaute“ nur mit Power-to-Gas, Gas-Speichern und Rückverstromung realistisch ist. Um eine komplett erneuerbare Stromversorgung im Jahr 2040 gegen jegliche Wettereinflüsse abzusichern (ohne massiven Wärmepumpen-Zubau), sind laut einer Studie von Energy Brainpool im Auftrag von Greenpeace Energy Gaskraftwerke mit einer Generatorleistung von 67 GW sowie Elektrolyseure mit einer Gesamtleistung von 42,7 GW der kostengünstigste Mix. Neben dem Stromsektor schielt auch der Schwerlast-, Schiffs- und Flugverkehr auf eine klimafreundliche Kraftstoff-Substitution auf Power-to-Gas/Fuel-Basis.

Ohne Zweifel wird Power-to-Gas/Fuel ein elementarer Bestandteil der zukünftigen Energiebereitstellung sein. Dass 2050 grüne Gase zu attraktiven Preisen in ausreichender Menge für den Wärmemarkt „übrig bleiben“ und reinen Wärmepumpensystemen Paroli bieten können, zeichnet sich aber bisher nicht ab.

Jochen Vorländer, Chefredakteur TGA Fachplaner vorlaender@tga-fachplaner.de · www.tga-fachplaner.de

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