TGA Energietechnik

TGA Ausgabe 08-2009
Jürgen Sterlepper über die Bedeutung der Gebäudetechnik für den Klimaschutz

„Wir haben den größten Hebel“

Abb. 1
Jürgen Sterlepper: „Über den Gebäudesektor haben wir den größten Hebel, den Klimawandel zu begrenzen. Wir können bis 2050 den weltweiten Energieverbrauch des Gebäudesektors um 60 % senken.“

Ende April hat der World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) die Studie „Energy Efficiency in Buildings“ (EEB) veröffentlicht. Sie qualifiziert erstmals die weltweiten Potenziale zum Klimaschutz des Gebäudesektors. Einer der 14 Projektpartner ist die Bosch-Gruppe. TGA Fachplaner sprach dort mit Dr.-Ing. Jürgen Sterlepper, Mitglied des Bereichsvorstands von Bosch Thermotechnik, über das Projekt, die Ziele, die einzuschlagenden Wege und die daraus abgeleiteten Forderungen.

TGA: Herr Dr. Sterlepper, Ihr Unternehmen hat sich maßgeblich inhaltlich und finan­ziell an der gerade weltweit veröffentlichten ­Studie „Energy Efficiency in Buildings“ beteiligt. Welches Ergebnis ist am wichtigsten?

Sterlepper: Es gibt eine ganz klare Kernaussage: Über den Gebäudesektor haben wir den größten Hebel, den Klimawandel zu begrenzen. Das heißt, die öffentliche Diskussion, beispielsweise über die Einsparpotenziale des Automobilsektors greift zu kurz. Über sehr wirtschaftliche Investitionen in die Gebäudetechnik können wir deutlich mehr erreichen, wir können über die Gebäudetechnik den Klimawandel begrenzen. Mit den in der Studie vorgeschlagenen Maßnahmen können wir bis 2050 den Energieverbrauch des Gebäudesektors um 60 % senken. Damit würden Gebäude ungefähr so viel CO2 einsparen, wie im gesamten Transportbereich heute entsteht. Das verdeutlicht den erheblich größeren Hebel der Gebäudetechnik.

TGA: Wie wird „Gebäudetechnik“ im Sinne der EEB-Studie definiert?

Sterlepper: Gebäudetechnik geht über den in unserer Branche gerne verwendeten Begriff ­Anlagentechnik hinaus, jedoch liegt hier ein ­deutlicher Schwerpunkt. Gebäudetechnik kennt aber keine „Gewerkegrenzen“, sondern bezieht sich mit einem ganzheitlichen Ansatz auf das ­gesamte Gebäude und den in ihm auftretenden Netto-Energieverbrauch. Gebäudetechnik umfasst deswegen die Anlagentechnik für Raumheizung, Trinkwassererwärmung, Klimatisierung und Lüftung, die Gebäudehülle, die Beleuchtung, die ­dezentrale Energieerzeugung und Kraft-Wärme-Kopplung. Es gehören aber auch Haushaltsgeräte, wie Waschmaschinen, Wäschetrockner, Geschirrspüler und Kühlgeräte dazu. Über sie kann der Energieverbrauch in Gebäuden erheblich gesenkt werden. Daneben gehört zum ­ganzheitlichen Ansatz auch das Verbraucher­verhalten.

TGA: Wie wurde bei der Studie vorgegangen?

Sterlepper: In der Studie wurden Wohn- und Nutzgebäude in den USA, in China, in Indien, in Brasilien, in Europa und in Japan betrachtet. Gemeinsam repräsentieren diese Länder über 50 % des weltweiten Bruttosozialprodukts und über zwei Drittel des weltweiten Energieverbrauchs. Damit stützt sich die Studie auf einen mehr als ­repräsentativen Ausschnitt der gesamten Welt.

Wir haben in der Studie, die von den 14 beteiligten Unternehmen in vier Jahren Bearbeitungszeit mit mehr als 15 Mio. US-Dollar an direkten Aufwendungen finanziert worden ist, drei Szenarien unterstellt. Ich will auf zwei davon kurz eingehen. Das „weiter wie bisher“-Szenario führt nach heutigen Erkenntnissen zu einer Klimaerwärmung von 4 K. Die Weltgemeinschaft hat sich aber vorgenommen, die Klimaerwärmung auf 2 K zu begrenzen. Dazu müssen die CO2-Emissionen bis 2050 drastisch reduziert werden. Übertragen auf den Gebäudesektor benötigen wir dazu die Reduzierung des Energieverbrauchs im Gebäudesektor um 60 % bis zur Mitte des Jahrhunderts.

In der Studie haben wir die dafür erforderlichen Maßnahmen im „Transformations“-Szenario abgeleitet. Die wichtigste Maßnahme ist: Wir dürfen mit dem Handeln nicht länger warten. Die wichtigste Erkenntnis ist: Wir haben die Technik verfügbar, um sofort in der erforderlichen Breite zu beginnen. Sie erlaubt uns gegenüber dem Bestand eine ausreichende Senkung des Energieverbrauchs.

» Wir können mit bereits verfügbarer Technik in Gebäuden bis 2050 ungefähr so viel CO2 einsparen, wie im gesamten Transportbereich heute entsteht.«

TGA: Agieren wir in Deutschland schon im Bereich des Transformations-Szenarios?

Sterlepper: Die eben getroffenen Aussagen gelten für die ganze Welt. Die Ziele zu erreichen wird für alle Länder eine große Herausforderung sein. Auch für Deutschland. ­Obwohl wir gar nicht so schlecht unterwegs sind, würden wir das 60-%-Einsparziel deutlich verfehlen, wenn wir nicht kräftig nach­legen. Ich kann das anhand einer Grafik verdeut­lichen (siehe Bild 1). Sie zeigt drei Szenarien. Sie sind verwandt, aber nicht identisch mit den EEB-Szenarien.

Das blaue Szenario geht davon aus, dass es in der Energietechnik im Gebäudebestand so weitergeht wie bisher. Also 1 % des Bestands auf heutigen Standard renovieren und zahlenmäßig 1 % vom Gebäudebestand auf heutigem Neubauniveau dem Bestand hinzufügen. Die Werte entsprechen ungefähr den heutigen Bauaktivitäten. Damit werden wir für den Gebäudesektor das Kyotoziel, die CO2-Emis­sionen bis 2020 um 20 % zu reduzieren, deutlich verfehlen. Um es zu erreichen, müssten wir etwa auf das mittlere Szenario mit der doppelten Renovierungsrate kommen.

Um das Transformations-Szenario aus der EEB-Studie zu erreichen, müssen wir die Renovierungsrate noch weiter steigern und Neubauten mit erheblich besseren Standards errichten. Das Transformations-Szenario berücksichtigt auch den Zubau – auch in den aufstrebenden Regionen. Darum muss der Energiebedarf von Neubauten in einem kurzen Zeitfenster auf einen sehr geringen Kennwert gesenkt werden.

TGA: Das heißt, Neubauten müssen ungefähr nach dem Passivhausstandard errichtet werden?

Sterlepper: Ja, im Neubau müssen wir möglichst auf den Standard des Zero Net Energy Homes kommen, da sind wir in Deutschland auch schon auf dem richtigen Weg. In der Renovierung müssen wir aber deutlich mehr als heute tun, respektive als gesetzlich vorgeschrieben ist. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird selbst mit verschärften Anstrengungen (rote Linie in Bild 1) der Zielwert des Transformations-Szenarios nicht erreicht.

TGA: Warum tut sich bisher so wenig bei der Verbesserung der Gebäudetechnik? Sie sagen, dass sie den größten Hebel für den Klimaschutz hat. Wissen wir nicht, wo wir ihn ansetzen müssen?

Sterlepper: Ich denke, die Gesellschaft ist sich des Hebels der Gebäudetechnik für die Begrenzung des Klimawandels nicht bewusst. Wir müssen deutlich mehr Aufklärungsarbeit leisten, wir müssen immer wieder darauf hinweisen, welche Möglichkeiten zum Umweltschutz in der Gebäudetechnik gegeben sind.

TGA: Was schlägt die EEB-Studie vor, um den Markt in Bewegung zu bringen?

Sterlepper: Der WBCSD hat neben einer sehr detaillierten Roadmap zentrale Forderungen formuliert, die sich im Wesentlichen an die Regierungen, teilweise aber auch an die Hersteller selber wenden:

Verschärfung der Anforderungen an die Bauausführung bei Neubauten

Energie-Klassifizierung zur besseren Transparenz des Gebäudeenergiebedarfs

Förderanreize für energieeffiziente Investi­tionen bei Neu- und Bestandsbauten

Fokussierung auf ganzheitliche Gebäudeplanung und Innovationen

Ausbau von Forschung und Entwicklung

Ausrichtung von Personalkapazitäten der Baubranche auf Energieeffizienz

Förderung energiebewussten Verhaltens

Um die Ziele zu erreichen, sind weltweite Investitionen von 300 Mrd. US-Dollar pro Jahr (etwa 226 Mrd. Euro) erforderlich. Die Summe relativiert sich vor dem Hintergrund, dass sich davon die ers­ten 150 Mrd. US-Dollar innerhalb von fünf Jahren und die zweiten innerhalb von zehn Jahren durch die eingesparten Energiekosten zurückbezahlen.

TGA: Wie verschafft sich der WBCSD jetzt für die EEB-Studie Gehör?

Sterlepper: Ende April wurde der Bericht in Genf veröffentlicht und weltweit in einigen Städten mit Pressekonferenzen vorgestellt, für Euro­pa in Paris. Diese Pressekonferenzen waren erst der Startschuss für die dritte Phase des Projekts, nämlich die öffentliche Information. Außerdem wollen die 14 an der EEB-Studie beteiligten Unternehmen an ihren eigenen Gebäuden demonstrativ inhaltlich umsetzen, was sie von der Allgemeinheit fordern.

Das ist ganz im Sinne der Werte der Bosch-Gruppe, im Sinne unserer Definition von unternehmerischer Verantwortung. Wir verstehen darunter, die Balance zu halten, zwischen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Belangen. Und wir haben bei Bosch den Umweltschutz als strategisches Leitmotiv verankert. Das gilt für die gesamte Gruppe und ist für uns in der Thermotechnik eine riesige Chance, weil wir Umweltschutz und wirtschaftlichen Erfolg gleichermaßen realisieren können.

TGA: Brauchen wir einen Al Gore – eine ­Galionsfigur für die Gebäudetechnik, um die Menschen wachzurütteln und zu begeistern?

Sterlepper: Es ist immer gut, ein Zugpferd zu haben. Die EEB-Studie ist unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Klaus Töpfer, ehemaliger Bundesumweltminister und ehemaliger Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms, entstanden. Prof. Dr. Töpfer hat schon in der Vergangenheit wichtige Initiativen mit auf den Weg gebracht. Der EEB-Studie kommt in diesem Sinne noch eine Rolle von überragender Bedeutung zu: Sie dient der Vorbereitung des Weltklimagipfels im Dezember in Kopenhagen, wo Möglichkeiten zur Begrenzung der CO2-Emis­sionen festgelegt werden sollen.

Neben der Arbeitsgruppe Gebäude tagen für dieses bedeutende Ereignis zahlreiche weitere Arbeitsgruppen. Darunter solche, die sich mit „Climate Engineering“ beschäftigen, also mit aktiven Eingriffen in das Klima, etwa über die Einbringung von Aerosolen in die Atmosphäre oder die Düngung von Ozeanen. Bei aller Achtung vor diesen Wissenschaftlern, mir bereitet das Sorgen. Soweit sollten wir es nicht kommen lassen. Deswegen plädiere ich dafür, in unserem Bereich aktiver zu werden und die Chancen zu ergreifen, die sich für uns im Gebäudebereich bieten. Daneben haben unsere Maßnahmenvorschläge einen enormen Vorteil: Die Nutzer profitieren von niedrigeren Energiekosten.

» Wir müssen klar machen, warum es richtig ist, in verfügbare Technik, in die Gebäudehülle und in das Nutzerverhalten zu investieren.

TGA: Sie haben gesagt, dass wir im Bestand mehr als heute üblich tun müssen. Verschärfte Anforderungen für die Bestandssanierung waren in der Vergangenheit in der Branche stets heftig umstritten, Eigentümerorganisation lehnen sie strikt ab. Wie kann man hier vorankommen?

Sterlepper: Nur durch Aufklärung. Innerhalb der Heizungsbranche ging es beispielsweise um die Sorge, dass sich der Renovierungsstau durch weitergehende Verpflichtungen noch verstärkt. Die Ängste und Verunsicherungen im Markt kommen meines Erachtens aber vielmehr dadurch, dass Zukunftstechnologien diskutiert werden, ohne deutlich zu machen, dass wir heute bereits Technologien, Produkte und Systeme verfügbar haben, um die Energiekosten deutlich zu senken und gleichzeitig Klimaschutz zu betreiben. Dies ist beispielsweise mit Brennwerttechnik plus Solarthermie sehr wirtschaftlich zu realisieren.

Wir müssen deutlich machen, dass es auch für den Endverwender nicht zielführend ist, auf eine Zukunftstechnologie zu warten. Wir müssen transparent machen, warum es wichtig und richtig ist, in marktverfügbare Anlagentechnik, in die Gebäudehülle und in das Nutzerverhalten zu investieren.

TGA: Wie wollen Sie den Einfamilienhaus­besitzer an diesen Punkt bringen? Der ist zunehmend – auch durch Aktivitäten der Branche – von der Option der Strom erzeugenden Heizung fasziniert …

Sterlepper: …ich gehe davon aus, dass solche Geräte auf der Basis von Stirlingmotoren schon relativ breit ab 2011 auf dem Markt verfügbar sein werden. Für größere Gebäude gibt es bereits marktverfügbar KWK-Lösungen auf der Basis von Verbrennungsmotoren. KWK ist aber fast immer eine Ergänzung, in der Regel ist ein Spitzenlast-Wärmeerzeuger erforderlich. Nur bei der Mikro-KWK wird sich beides unter einer gemeinsamen Haube befinden.

Im Ein- und Zweifamilienhaus ist die kurz­fristige Erneuerung einer veralteten Heizung gegen einen Brennwert-Heizkessel stets die bessere ­Entscheidung. Wer drei Jahre wartet, lässt ein ­Einsparpotenzial in der Größenordnung der jährlichen Heizkosten ungenutzt. Im großen Maßstab und für alle Gebäude betrachtet, ergibt sich für Deutschland, dass der Austausch der 15 Mio. veralteten Heizungsanlagen (etwa 90 % des Bestands) gegen marktverfügbare Technik 30 % des CO2-Aufkommens aus dem deutschen Heizungsbestand vermeidet. Das wäre eine Reduktion um rund 55 Mio. t/a.

» Energieeffizienz kommt eine Schlüsselrolle zu. Hier sind insbesondere die Planer gefordert, den richtigen gesamtheitlichen Ansatz zu finden. «

TGA: Muss die Geräte herstellende Heizungsindustrie heute einen Teil der Endkunden­beratung übernehmen, damit es zum ­vorgezogenen Heizungsaustausch kommt?

Sterlepper: Es stehen alle Akteure der Branche in der Pflicht. Ganz wichtig ist, dass wir in die Breite kommen, jedoch die individuellen Belange der Kunden nicht aus den Augen verlieren. Wir dürfen nicht immer nur an Leuchtturm- und Prestigeobjekte denken, sondern müssen die breite Anwendung und den Otto Normalverbraucher vor Augen haben. Ihm müssen wir unsere vorhandenen Lösungen richtig anbieten.

TGA: Um eine Lösung verkaufen zu können, muss der Kunde zunächst (s)ein Problem ­erkannt haben.

Sterlepper: Deswegen müssen wir alle zusammen Aufklärungsarbeit leisten. Die Industrie muss das gesamte Produkt- und Systemangebot vorhalten. Sie muss weiterhin und verstärkt Planer und Heizungsfachhandwerk beraten und schulen, insbesondere in den neuen Technologien und in der Systemtechnik. Systemtechnik – also der Optimierung der gesamten Heizungsanlage bzw. der gesamten Gebäudetechnik – kommt bei der Energieeffizienz eine Schlüsselrolle zu. Hier sind ins­besondere die Planer gefordert, den richtigen gesamtheitlichen Ansatz zu finden und einen entsprechenden Systemvorschlag zu machen. Anders geht es heute gar nicht mehr, denn die Einkopplung von erneuerbaren Energien erfordert immer einen Systemansatz, der einen großen Einfluss auf die Effizienz hat.

TGA: Wir brauchen also eine Kombination aus Energieeinsparung durch Effizienz und Teilsubstitution durch erneuerbare Energien?

Sterlepper: Ja, in diese Richtung muss es gehen und in diese Richtung gibt es bereits einen starken Trend. Ich möchte das an Bosch Thermotechnik dokumentieren: Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben: 30 % höheren Wirkungsgrad, 30 % niedrigere CO2-Emissionen und 30 % Umsatz mit erneuerbaren Energien zu erreichen, bis 2015. Also 50 % mehr als im Kyoto-Protokoll vorgesehen.

Das messen wir mit einer Anleihe aus dem Automobilbereich – einer von uns so genannten Flotten-Emission. So bewerten wir intern für jede Maßnahme und jedes Projekt, welchen Beitrag es leistet, unsere Flotten-Emission zu verringern. Das machen wir mit einer relativierten Emission aus der Zusammensetzung unseres Produktangebots und den jeweiligen Absatzzahlen. Die Messgröße ist gCO2/kWh. Von unserem Ziel haben wir schon sehr viel erreicht. Von 1990 haben wir unsere Flotten-Emission bis 2007 um 22 % reduziert. Das haben wir im Wesentlichen durch das Angebot von Technik zur Nutzung erneuerbarer Energien. 2008 haben wir 15 % unseres Umsatzes mit erneuerbaren Energien erwirtschaftet.

Das zeigt, dass wir es auch als Unternehmen wirklich ernst mit dem Klimaschutz nehmen. Und wir zeigen, dass es Hand in Hand mit wirtschaftlichem Erfolg möglich ist. Und wir erreichen das mit heutiger Technik, mit Produkten die jeder von uns kaufen kann.

TGA: Der WBCSD fordert Ausbau von Forschung und Entwicklung. Andererseits betonen Sie, dass wir alle Technik verfügbar haben…

Sterlepper: …wir haben heute definitiv alles was wir benötigen, um sofort nachhaltige und wirtschaftliche Maßnahmen mit einem ausreichend großen Verbesserungsschritt zu realisieren. Und diese Botschaft muss die Verbraucher er­reichen. Ohne Zweifel benötigen wir jedoch ­weiteren technischen Fortschritt und dafür Forschung und Entwicklung (FuE). Sie sind erforderlich, um heute installierte Technik in 10 bis 15 Jahren durch neue oder weiter verbesserte ­Lösungen, die noch weniger Primärenergie be­nötigen, ersetzen zu können.

Entwicklungsbedarf existiert etwa für KWK-Anlagen mit hohem elektrischem Wirkungsgrad. Ein Beispiel dafür ist das Brennstoffzellen-Heizgerät: Um damit eines Tages mit relevanten Stückzahlen auf den Markt kommen zu können, müssen die Entwickler heute forschen und investieren. Hocheffizienztechnologien, erneuerbare Energien und dezentrale Stromerzeugung sind für Bosch Thermotechnik wichtige FuE-Felder.

TGA: Ist die internationale Initiative auch für die Produktentwicklung notwendig?

Sterlepper: Internationales Handeln ist ein Muss. Der ohnehin erforderliche Verbesserungsschritt für jedes einzelne Gebäude ist so groß, dass die Untätigkeit in einer anderen Region nicht zusätzlich kompensiert werden könnte. Bezogen auf die heutige Situation der Hersteller gibt es bisher kaum die Möglichkeit „Weltprodukte“ zu verkaufen, insbesondere nicht in der Heizungstechnik. Wir gehen aber davon aus, dass es durch die globalen Trends und die Gesetzgebungen langfristig eine gewisse technologische Konvergenz geben wird. Trotzdem wird es auch dann noch eine Applizierung an die jeweiligen Märkte geben.

TGA: Wird 2020 der Wäschetrockner eine ­direkte Verbindung zum Heizsystem haben?

Sterlepper: Davon gehe ich aus. Ich will das hier nicht konkretisieren, aber es ist ein gutes Stichwort für die ganzheitliche Betrachtung, die wir benötigen. Wir müssen uns das gesamte Gebäude mit allen Energie- und Massenströmen ansehen und analysieren und wirklich die beste wirtschaftliche Lösung für Gebäude herausfinden. Da gibt es noch großes Potenzial, den Energieverbrauch zu senken.

TGA: Müssen wir uns mittelfristig auf eine Elektrifizierung der Gebäudetechnik – eventuell mit einem hohen Anteil an Eigenstromerzeugung – einstellen?

Sterlepper: Ja, dies ist zu erwarten, aber nicht schlagartig. Die angesprochene Betrachtung aller Energieströme muss auch über die Gebäudegrenzen hinweg und unter Berücksichtigung der dafür erforderlichen Zeit vorgenommen werden. Das führt zwangsläufig zu einer starken Vernetzung und zum dezentralen Energiemanagement. Photovoltaik auf dem eigenen Dach macht solche Konzepte mit Netto-Null-Charakter schon heute möglich. Für die breite Anwendung müssen hier aber noch die Systemkosten deutlich reduziert werden.

Ich sehe auf längere Sicht ebenso einen großen Anteil von Heizungs- bzw. Energieumwandlungsanlagen auf der Basis fossiler Brennstoffe in Gebäuden im Einsatz. Um Zahlen zu nennen: Auch 2020 wird Gas-Brennwerttechnik bei Bosch Thermotechnik aus heutiger Sicht der größte Produktbereich und die prägende Technologie sein. Die Elektrifizierung ist aber ein starker Trend, den wir auch auf anderen Gebieten, beispielsweise im Automobilbereich, erleben werden.

TGA: 2020 könnte das Automobil gleichzeitig Konsument und Speicher von Elektrizität sein. Werden dann Automobil und Gebäudeenergie­versorgung im ­Verbund auftreten?

Sterlepper: An solchen Konzepten wird gefeilt. Das Solar Decathlon Haus hat schon 2007 gezeigt, dass das technisch machbar ist. An dem aktuell in Berlin ausgestellten ­Gebäude waren wir ja nicht nur finanziell und mit unserer Technik beteiligt, wir haben auch das Entwicklungsteam aus Darmstadt mit Know-how bei der Auslegung des Hauses unterstützt. Eine der Disziplinen war das Laden eines Elektroautos über die Photovoltaikanlage des Gebäudes. Auch die Netz-Rückspeisung aus der Batterie bietet Ansätze Primärenergie einzusparen.

Obwohl das als Plus-Energie-Haus realisierte Demonstrationsobjekt auf heute verfügbarer Technik basiert und schon angeboten wird, ist eine breite Anwendung wegen der noch zu hohen Gesamtkosten erst in ein paar Jahren realistisch. Wir verfolgen den Null- und PlusEnergie-Haus-Ansatz aber mit Nachdruck.

TGA: Herr Dr. Sterlepper, wenn Sie morgen ein Unternehmen gründen müssten, wie würde es aussehen, in welchen Bereichen würden Sie den Erfolg suchen?

Sterlepper: Wenn es unser Unternehmen nicht bereits gäbe, würde ich Bosch Thermotechnik gründen. Unserer Branche bieten sich immense Chancen. Das Schöne an unserer Branche ist, dass sich wirtschaftlicher Erfolg, Kundennutzen und Umweltschutz kombinieren. Das bereitet mir große Freude bei der Arbeit.

TGA: Herr Dr. Sterlepper, vielen Dank für das Gespräch.

Inhaltsübersicht

  1. Teil: „Wir haben den größten Hebel“
  2. Teil: EEB-Studie
  3. Teil: Zur Person: Jürgen Sterlepper
  • Bild 1 Entwicklung des Energieverbrauchs bis 2030 für Heizung und Warmwasser. Szenario 1 (blau) „business as usual“: Jährliche Renovierung von 1 % des Gebäudebestands auf einen Energiebedarf von 70 kWh/(m² a), gleichzeitig jährliche Erneuerung von 1 % des Gebäudebestands (Abriss und Neuerrichtung); Energiebedarf der neuen Gebäude 40 kWh/(m² a). Szenario 2 „Ambitioniert“ (rot): Jährliche Renovierung von 2 % des Gebäudebestands auf einen Energiebedarf von 70 kWh/(m² a), gleichzeitig jährliche Erneuerung von 1 % des Gebäudebestands (Abriss und Neuerrichtung); Energiebedarf der neuen Gebäude: 30 kWh/(m² a). Szenario 3 „Extrem“, alle Häuser bis 2030 renoviert und neue Gebäude als „Zero Net Energy Homes“ ausgeführt (grün), dafür: Jährliche Renovierung von 2,75 % des Gebäudebestands auf einen Energiebedarf von 50 kWh/(m² a), gleichzeitig jährliche Erneuerung von 1 % des Gebäudebestands (Abriss und Neuerrichtung); Energiebedarf der neuen Gebäude 15 kWh/(m² a).
  • Jürgen Sterlepper „Der Austausch der 15 Mio. veralteten Heizungsanlagen in Deutschland gegen marktverfügbare Technik würde 30 % des CO2-Aufkommens aus dem deutschen Heizungsbestand vermeiden.“
  • Bild 2 Das Plus-EnergieHaus der BMVBS-Forschungsinitiative „Zukunft Bau“. Es hat in Washington D.C. 2007 den renommierten ­ Solar Decathlon Wettbewerb gewonnen und soll eine neue Ära des energie­sparenden Bauens einleiten. Das Demonstrationsobjekt basiert auf heute verfügbarer Technik und pro­duziert mehr Energie als es selbst benötigt.
  • Jürgen Sterlepper „Für die Ziele der EEB-Studie müssen jährlich 300 Mrd. US-$ investiert werden. Die Hälfte davon wird durch eingesparte Energie in fünf Jahren zurückbezahlt, die zweite Hälfte in zehn Jahren.“
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