TGA Heizungstechnik

TGA Ausgabe 06-2010
Jahresarbeitszahl-Vereinbarung

„Wir wollen Wärmepumpen vor Misskredit schützen“

Abb. 1

TGA Fachplaner hat die Jahresarbeitszahl-Vereinbarung der Verbraucherzentralen seit ihrer Veröffentlichung Ende 2009 kritisch begleitet und in TGA 02-2010 Risiken und Probleme für die Auftragnehmerseite detailliert aufgezeigt. Inzwischen sind auch die Verbände aktiv geworden. Dr. Holger Krawinkel, Mitglied der Geschäftsleitung Verbraucher­zentrale Bundesverband, und Dipl.-Ing. Stefan Materne, Technischer Sachbearbeiter Verbraucherzentrale Bundesverband, stellten sich kürzliche unseren Fragen1) über die Hintergründe und die Zukunft der Jahresarbeitszahl-Vereinbarung.

Schmitt: Wie kam es zur Ausarbeitung der Checkliste und der Vereinbarung für eine Mindestjahresarbeitszahl? Was war die Initialzündung?

Krawinkel: Einerseits ging es um eine Standortbestimmung zum Thema Wärmepumpe. Hier werden von den Beratern und den Verbraucherzentralen die verschiedensten Standpunkte vertreten. Nun kommen aber Ratsuchende oft mit Angeboten in der Hand und wollen wissen, welches Angebot das Beste ist. „Was soll ich nehmen?“ Andererseits kommen aber auch die unzufriedenen Kunden, wenn die Anlage eingebaut ist und nicht richtig funktioniert. Es bestand also einfach der Wunsch, die Jahresarbeitszahl mehr in den Fokus zu rücken.

Gerade Luft/Wasser-Wärmepumpen werden noch und nöcher feilgeboten. So kommen die Kunden mit den verschiedenen Verträgen zur Verbraucherberatung und fragen, ob das o.k. ist, ob die Anlage mit den entsprechenden Parametern funktioniert. Das war der entscheidende Punkt, warum wir dieses Papier entworfen haben. Wir wollen nicht gegen Wärmepumpen argumentieren, sondern die Effizienz von Wärmepumpenanlagen beleuchten und erklären, um die einzelnen Faktoren aufzugreifen, die eine Anlage gut oder schlecht machen, sowohl bei der Installation als auch im Betrieb.

Schmitt: Es ist aber schon ein wenig erstaunlich, dass dies der einzige Sektor im Gebäudebereich ist, für den es eine Art Leistungs­garantie geben soll. Für Brennwertheizkessel z.B. kennt man das nicht.

Krawinkel: Das ist richtig, aber auch das ist ein schönes Thema und wir sind da dran. Wir werden als nächstes Projekt ­etwas zu Brennwertgeräten machen und dort den Kondensatablauf ermitteln, um zu sehen, wie es mit der Brenn­wertnutzung steht. Die Geräte sind jedoch für Ratsuchende einfacher zu verstehen, während eine Wärmepumpe Vielen auf den ersten Blick nicht so zugänglich erscheint und deshalb mehr Beratungsbedarf besteht – es können auch ­deutlich mehr Fehler bei der Installation gemacht werden.

Vorländer: Eine Untersuchung der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen bezog sich auf unlautere Werbeversprechen. Ist das parallel gelaufen oder war dies Teil der Erkenntnisgewinnung?

» Wegen vielen Ratsuchenden in der Angebotsphase und wegen unzufriedenen Wärmepumpen-Käufern wollten wir die Jahresarbeitszahl in den Fokus rücken.«

Materne: Das waren drei Punkte unserer Wärmepumpenkampagne. Punkt 1 war die Preisrecherche, die von mir durchgeführt wurde. Dabei wurden Wärmepumpenangebote einfach in Bestandteile zerlegt und die Preise gemittelt, um zu sehen, welche Durchschnittspreise sich beispielsweise für Luft/Wasser-Wärmepumpen usw. ergeben. Dann kam die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen mit der Untersuchung über unlautere Werbeaussagen mit dem Ziel, die Technik vor Misskredit zu schützen, der durch falsche Behauptungen entstehen kann. Der 3. Schritt war schließlich die Vereinbarung für die Jahresarbeitszahl plus unsere Checkliste für die Wärmepumpe, die man bei uns von der Internetseite herunterladen kann.

Allerdings kann man die Vereinbarung nicht herunterladen, weil dazu eine Beratung stattfinden sollte. Sie ist also nur mit einer Energieberatung erhältlich.

Vorländer: Deuten Ihre Untersuchungen und Recherchen denn eher auf weit verbreitete Probleme hin – oder gibt es Anbieter die immer wieder auffallen?

» Um juristische Unklarheiten zu vermeiden ist es sinnvoll, dass die Jahresarbeitszahl-Vereinbarung um eine Nutzervereinbarung ergänzt wird.«

Krawinkel: Nein, solche Anbieter kennen wir nicht. Dann wäre das Problem einfach zu lösen. Es muss auf beiden Seiten – bei Anbietern und bei Endkunden – das Bild korrigiert werden, dass nach dem Austausch des Wärmeerzeugers gegen eine Wärmepumpe beim Kunden ein Energiesparprogramm abläuft. Allerdings gibt es eine Häufung beim Heizsystem Luft/Wasser-Wärmepumpe, hier treten im Betrieb am häufigsten Probleme auf: Zu hohe Betriebskosten und / oder es wird nicht warm genug.

Schmitt: Sicher tut es der gesamten Branche nicht gut, wenn den Kunden in Hochglanzprospekten das Blaue vom Himmel versprochen wird und hinterher nur die Hälfte stimmt. Rein thermodynamisch gesehen ist jedoch der kritische Punkt der, dass die Jahresarbeitszahl sehr stark auch vom Nutzerverhalten abhängt. Die gesamte Beweislast auf den Installateur abzuwälzen, ist dabei sicher auch nicht die richtige Lösung.

Materne: In einem Punkt haben Sie vollkommen Recht, aber es sind zwei verschiedene Dinge. Zunächst einmal ist das ein Ansatz, um mehr Transparenz zu schaffen. Natürlich ist das Verbraucherverhalten wichtig, aber auch bestimmte andere Dinge wie der Hydraulische Abgleich oder die Qualität der Sonde usw. Die ganze Anlage muss einfach ordentlich installiert sein. Wir haben nun klar gesagt, was der Handwerker von sich aus tun kann. Ebenso kann der Handwerker umgekehrt auch ganz deutlich sagen: „Ich kann diese konkrete Zahl zusichern, aber dann musst du, lieber Kunde, auch bestimmte Dinge einhalten.“

Wir sind uns der Problematik durchaus bewusst, dass ein Download, wenn er nicht an eine Beratung gekoppelt ist, sich rasend schnell verbreitet und die Gefahr besteht, dass weder der Kunde noch der Handwerker wissen, was sie damit sinnvoll machen können. Wenn nun aber die Herausgabe der eigentlichen Vereinbarung mit einer Beratung gekoppelt ist, ist dem Kunden, der in die Beratung gekommen ist, zumindest klar, wie er die ganze Sache einzuschätzen hat. Diese Vorgehensweise haben wir bewusst gewählt, um der Kritik ein Stück weit vorzubeugen. Letztlich können die Kunden durch die Beratung viel fachkundiger beurteilen, was da passiert. Wir wollen einfach beide sensibilisieren: Den Handwerker und den Kunden.

Wärmepumpensysteme reagieren sehr viel sensibler auf bestimmte Fehler, auf Installationsfehler, aber natürlich auch auf das Nutzerverhalten. Deswegen muss man auch in zwei Richtungen Aufklärungsarbeit betreiben: Man muss einerseits sagen „Handwerker, du musst hier sorgfältig arbeiten, die Wärmepumpe ist nicht für jeden Einsatzfall wirklich geeignet, die kann man nicht überall einfach so einbauen.“ Und man muss dem Kunden auch klarmachen, „du hast hier eine wesentlich größere Streuung, wenn du dich so oder so verhältst.“

Vorländer: Haben Sie keine Bedenken, dass Planer und Handwerker auf die Jahres­arbeitszahl-Vereinbarung mit Sicherheiten bei der Dimensionierung reagieren, die den Preis treiben und sich auch bezüglich der Effizienz kontraproduktiv auswirken können?

Krawinkel: Deswegen sprechen wir mit den Branchenverbänden. Wir wollen das vermeiden. Aber wir wollen auch, dass schwarze Schafe aussortiert werden. Und wir wollen alle, die Willens und in der Lage sind, unter passenden Voraussetzungen eine Wärmepumpe richtig zu planen und zu installieren, mit Informationen unterstützen. Wir sind ja nicht gegen die Wärmepumpe, sondern wir wollen, dass sie sich im Markt behauptet. Wir erwarten, dass die Wärmepumpe über die Ökodesign-Richtlinie eine relativ gute Bewertung – auch im Verhältnis zu den Wettbewerbssystemen – bekommt. Um diese dann in die Tat umzusetzen, sind die angesprochenen Themen eine Grundvoraussetzung: Qualität bis zur Inbetriebnahme und ein angepasstes Verbraucherverhalten.

Vorländer: In einem Aktenvermerk, der uns vorliegt, werden Sie, Herr Dr. Krawinkel, mit der Aussage zitiert, Sie hätten das Gefühl, die bisherige Lösung sei nicht justiziabel. Das würde ja bedeuten, man muss da noch mal ran. Ist hier etwas in der Entwicklung?

Krawinkel: Ja, genau deshalb sprechen wir ja mit den Branchenverbänden. Um juristische Unklarheiten zu vermeiden, ist es sinnvoll, dass die Jahresarbeitszahl-Vereinbarung um eine Nutzervereinbarung ergänzt wird. In dieser schließen Handwerker und Kunde vertraglich aus, dass eine falsche Nutzung der Wärmepumpe durch den Kunden zu einer Verringerung der Jahresarbeitszahl führt. Wir bieten den Verbänden an, bei einer solchen Nutzervereinbarung mitzuwirken.

» Jede schlechte Nachricht, also jede schlecht installierte Wärmepumpe, die den Ruf der Technologie schädigt, ist im Prinzip eine zu viel.«

Vorländer: Wie ist der Stand der Gespräche? Können Sie dazu schon etwas sagen?

Krawinkel: Bisher gab es einen Austausch von Unterlagen. Und der Bundesverband Wärmepumpe (BWP) ist dabei, die Checkliste, die bei uns heruntergeladen werden kann, zu bearbeiten und uns Ergänzungen zu schicken, die wir dann auch einarbeiten werden.

Schmitt: Da drängt sich natürlich die Frage auf, warum man die Gespräche erst jetzt führt und nicht vorher. Warum hat man die Verbände nicht gleich mit ins Boot genommen?

Krawinkel: Ich denke, das ist so ein klassisches Henne-Ei-Problem. Wir haben das eben jetzt so angefangen. Die Frage ist jedoch, ob die Vereinbarung ohne unsere Initiative nur zwei Seiten umfasst hätte und in der kurzen Zeit erstellt worden wäre.

Schmitt: Ich sehe durchaus die Vorteile, die sich aus Ihrem Vorpreschen ergeben. Die Frage ist jetzt nur, ob es nicht zu einer gewissen Verunsicherung der Verbraucher kommt, wenn es z. B. in einem Jahr eine überarbeitete Fassung gibt, in der in einigen Punkten etwas zurückgerudert wird.

Krawinkel: Das müssen wir jetzt abwägen. Wir sind auf die Branche zugegangen bzw. die Branche auf uns. Nun wollen wir hinterher auf jeden Fall eine für alle Seiten noch bessere Lösung haben. Eine Verunsicherung der Verbraucher wollen wir sicher auch nicht. Aber ich denke, damit werden wir alle so verantwortungsbewusst umgehen, dass dies möglichst vermieden wird. Die Vereinbarung muss schon kurz und knackig bleiben, um das klarzumachen. Ergänzen muss man beispielsweise die Frage des Nutzerverhaltens und dessen Einfluss. Das ist aber auch das, was wir von der Branche erwarten, und dann kann es meines Erachtens relativ schnell gehen, ohne dass es eine zusätzliche Verunsicherung geben muss.

Vorländer: Ein Problem der Jahresarbeitszahl-Vereinbarung sind die Kosten für eine Beweisführung…

Krawinkel: …eigentlich soll es ja gar nicht so weit kommen, dass jemand einen Beweis führen muss. Optimal wäre ein Frühwarnsystem, das dann auch erlauben könnte, in Verbindung mit einer Fernüberwachung eine höhere Jahresarbeitszahl zu vereinbaren. Wir wissen, dass die ersten Anbieter an so etwas arbeiten und in Verbindung mit Smart Metering sehr früh erkannt werden kann, wenn in der Anlage oder beim Nutzer etwas nicht stimmt.

Vorländer: Wenn wir in einem Jahr wieder kommen würden, was würden Sie uns dann berichten? Sagen Sie in einem Jahr „wir haben eine branchenabgestimmte Jahresarbeitszahl-Vereinbarung“ und „sie hat sich etabliert“?

Krawinkel: Ja, davon gehe ich aus. Ich glaube, die Branche hat selbst großes Interesse daran, dass es gewisse Bereinigungen gibt, um die Marktchancen der Wärmepumpe in den Bereichen, wo sie sinnvollerweise eingesetzt werden kann, auch zum Vorteil des Verbrauchers zu erhöhen. Jede schlechte Nachricht, also jede schlecht installierte Wärmepumpe, die den Ruf der Technologie schädigt, ist im Prinzip eine zu viel. Und ich glaube, da haben wir einfach ein gemeinsames Interesse daran. Wir haben es schon einmal erlebt, dass Wärmepumpen in Misskredit geraten sind, und das wollen wir diesmal vermeiden.

Vielen Dank für das Gespräch.

1) Das Gespräch führten Dr. Matthias Schmitt, Chefredakteur DIE KÄLTE + Klimatechnik, und Jochen Vorländer, Chefredakteur TGA Fachplaner.

  • Holger Krawinkel: Ich glaube, die Branche hat selbst großes Interesse daran, dass es gewisse Bereinigungen gibt, um die Marktchancen der Wärmepumpe in den Bereichen, wo sie sinnvollerweise eingesetzt werden kann, auch zum Vorteil des Verbrauchers zu erhöhen.“
  • Stefan Materne: Wärmepumpensysteme reagieren sehr viel sensibler auf bestimmte Fehler, auf Installationsfehler, aber natürlich auch auf das Nutzerverhalten. Deswegen muss man auch in beide Richtungen Aufklärungsarbeit betreiben.“
JV
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