TGA Interview

TGA Ausgabe 10-2014
Christian Herten zu den Auswirkungen der F-Gase-Verordnung

Planungssicherheit für alle, aber starke Veränderungen

1 Christian Herten: „Würde das absehbare Marktwachstum bei Kälte, Klima und Wärmepumpen mit dem heutigen Kältemittel-Mix stattfinden, würden F-Gase im Jahr 2050 fast 8 % der direkten CO2

1  Christian Herten: „Würde das absehbare Marktwachstum bei Kälte, Klima und Wärmepumpen mit dem heutigen Kältemittel-Mix stattfinden, würden F-Gase im Jahr 2050 fast 8 % der direkten CO 2 -Emissionen verursachen.“

Nach langen Diskussionen ist die neue F-Gase-Verordnung1) nun beschlossen, im Amtsblatt der EU veröffentlicht und tritt Anfang 2015 in Kraft. Übergeordnetes Ziel ist die Abkehr von Kältemitteln mit einem hohen Treibhauseffekt, um die Emissionen durch teilhalogenierte Fluorkohlenwasserstoffe (HFKW) bis 2030 auf etwa ein Fünftel zu senken. Welche Konsequenzen das für Investoren, Anlagenbauer und Gerätehersteller hat, erläutert Christian Herten, Präsident der Eurovent Association und Director Quality, Health, Safety and Environment Management bei GEA Refrigeration Technologies im Interview mit Ralf Dunker für die TGA-Redaktion.

Dunker: Herr Herten, bitte geben Sie uns einleitend einen Überblick zu den wesentlichen Punkten der ab Januar 2015 geltenden F-Gase-Verordnung.

Herten: Am wichtigsten ist die Zielsetzung, die durch F-Gase bedingten direkten Emissionen durch schrittweise Reduktion der innerhalb der EU in den Markt eingeführten Mengen der entsprechenden Kältemittel bis 2030 auf 21 % zu senken (Phase-Down). Dabei wird als 100-%-Basis der Verkaufsdurchschnitt der Jahre 2009 bis 2012 angesetzt. Als weitere Maßnahme sieht die neue Verordnung vor, dass bestimmte Geräte und Anlagen mit Kältemitteln mit einem hohen Treibhauspotenzial (GWP – Global Warming Potential) ab einem bestimmten Datum nicht mehr in den Verkehr gebracht werden dürfen. Zudem sind Restriktionen für das Nachfüllen bei Altanlagen zu nennen.

Dunker: Die Europäische Union setzt also an mehreren Stellen an, um ein ehrgeiziges Reduktionsziel zu erreichen. Kritiker behaupten, F-Gase seien ohnehin nur zu 1,1 % am Treibhauseffekt beteiligt. Warum gibt es dann derart strenge Vorgaben?

Herten: Die neue F-Gase-Verordnung soll, so wurde berechnet, die Emissionen um über 70 Mio. t CO2-Äquivalent reduzieren. Das halte ich für einen substantiellen Beitrag, zumal sich F-Gase sehr lange in der Atmos-phäre halten. Die neue EU-Verordnung ist also essentiell für den Klimaschutz. Außerdem darf man nicht die Marktentwicklung außer Acht lassen: Durch wachsenden Wohlstand und die höheren Komfortansprüche kommen immer mehr Kühlgeräte oder Klimaanlagen zum Einsatz und auch in der Industrie nimmt der Bedarf an Kälte stetig zu.

Dazu kommt, dass elektrische Wärmepumpen zunehmend die Gas- und Öl-Heizungen ablösen werden. Angesichts der Tatsache, dass der Anteil grünen Stroms in den kommenden Jahrzehnten massiv zunehmen wird, sind Wärmepumpen eine effektive Möglichkeit, zur Dekarbonisierung der Energielandschaft beizutragen. Der größere Wärmepumpeneinsatz wird aber auch zu einem erhöhten Einsatz an Kältemitteln führen.

Fände dieses Marktwachstum mit dem heutigen Kältemittel-Mix statt, würden die F-Gase im Jahr 2050 voraussichtlich beinahe 8 % der direkten CO2-Emissionen verursachen, wie eine Studie des Umweltbundesamts (2010) prognostiziert hat.

Dunker: Welche Auswirkungen wird die F-Gase-Verordnung haben?

Herten: Zunächst einmal gibt es einen wichtigen positiven Effekt: Wir alle – und damit meine ich Kältemittelproduzenten, Gerätehersteller, Planer, Anlagenbauer und auch die Investoren – haben nun einen Rahmen, in dem wir uns bewegen können. Es gibt größere Planungs- und Investitionssicherheit – beides haben wir in Europa in der jüngsten Vergangenheit vermisst. Es ist sogar anzunehmen, dass die F-Gase-Verordnung weltweit Bedeutung haben wird, denn europäische Umwelt- und Klimaschutzstandards haben häufig Vorbildcharakter für andere Länder.

Für den „europäischen Investor“ ist die globale Perspektive in der Regel nicht wichtig. Für ihn ist bedeutend, dass er Investitionen in Anlagen mit zehn oder zwanzig Jahren Einsatzdauer nun zuverlässiger planen kann. Auch Betreiber von Altanlagen bekommen Planungssicherheit und können besser abschätzen, unter welchen Bedingungen sich eine Ersatzinvestition, zum Beispiel beim Umstieg auf alternative Kältemittel, lohnt.

Dunker: Welche Kosten kommen auf Betreiber von Altanlagen zu, die Kältemittel mit einem hohen GWP-Wert einsetzen?

Herten: Das lässt sich schwer vorhersagen, da viele Effekte interagieren werden. Insgesamt ist jedoch eine Verteuerung zu erwarten. Der R22-Ausstieg hat uns gezeigt, dass bei den abgekündigten Kältemitteln eine Verknappung eintritt, was den Preis in die Höhe treibt. Auch die Verfügbarkeit neuer Kältemittel ist in der Regel zunächst beschränkt, was ebenfalls Preiseffekte mit sich bringt. Eine Ersatzinvestition kann deshalb früher interessant werden, als es aus heutiger Sicht scheint.

Dunker: Welche Alternativen hat die Industrie für Neuanlagen und Ersatzinvestitionen zu bieten?

Herten: Heute existieren bereits zahlreiche erprobte Lösungen, mit denen sich der Einsatz von F-Gasen vermeiden lässt, sowohl für die Komfortklimatisierung als auch für die Plus- und Tiefkühlung oder industrielle Kälteanlagen. Namhafte und global agierende Großunternehmen der Konsumgüterindustrie haben sich beispielsweise im Rahmen des Consumer Goods Forums mit der klaren Zielstellung zusammengeschlossen, bis 2015 in den von ihnen betriebenen Anlagen und Geräten vollständig auf den Einsatz von F-Gasen zu verzichten.

GEA bietet zum Beispiel kleinere Verdichter für synthetische und natürliche Kältemittel an und im mittleren und großen Bereich sind wir heute schon stark mit Ammoniakanlagen vertreten. Aber dies ist nur ein Ausschnitt aus dem Gesamtmarkt.

Dunker: Was wird sich auf dem Klima- und Kältemarkt ändern?

Herten: Mit der F-Gase-Verordnung gehen drei Effekte einher: Es werden ganz andere Kältemittel, nämlich solche mit einem niedrigen GWP, gefragt sein, worauf sich die Kältemittelproduzenten ebenso wie die Hersteller von Anlagenkomponenten einstellen müssen. Schon heute wird eine Vielzahl neuer Kältemittel erprobt beziehungsweise bereits eingesetzt. Auf Initiative des US-amerikanischen Branchenverbandes AHRI werden aktuell neue Niedrig-GWP-Kältemittel untersucht. Ich rechne damit, dass es viele neue Kältemittel beziehungsweise Blends am Markt geben wird. Und mit Sicherheit wird der Anteil der natürlichen Kältemittel Ammoniak, CO2, Kohlenwasserstoffe etc. stark zunehmen.

Ein zweiter Trend ist die Vermeidung von Leckagen. Weniger Leckagen bedeuten geringere Kältemittelverluste, eine höhere Effizienz und ein Plus an Sicherheit. Der Sicherheitsgewinn ist insbesondere von Bedeutung, wenn statt F-Gasen mit hohem GWP brennbare oder giftige Kältemittel eingesetzt werden. Denn der Preis für einen niedrigen GWP-Wert ist aufgrund der chemischen Zusammensetzung der neuen synthetischen Kältemittel in der Regel eine gewisse Brennbarkeit. Auch wenn diese als niedrig eingestuft wird, ist sie doch zu berücksichtigen. Die F-Gase-Verordnung schreibt strenge beziehungsweise häufige Leckagekontrollen vor, sodass sich immer mehr Investoren für „auf Dauer technisch dichte“ Anlagen entscheiden werden.

Abzusehen ist auch, dass Energieeffizienz noch stärker an Bedeutung gewinnen wird. Dafür sprechen drei Gründe: Künftig werden die indirekten CO2-Emissionen – also die durch den Stromverbrauch verursachten – noch stärker ins Gewicht fallen, weil die direkten Emissionen durch das Kältemittel abnehmen. Der zweite Grund ist, dass Energie immer teurer wird und die Kunden sich mehr Effizienz wünschen. Und die Abkehr von den F-Gasen bedeutet in einigen Fällen auch, dass effektive und erprobte Kältemittel nun durch weniger effektive ersetzt werden. Diesen Nachteil gilt es zu kompensieren.

Dunker: Bedeutet das, der Einsatz alternativer, klimafreundlicherer Kältemittel führt zu einem größeren Ressourcenverbrauch im Betrieb?

Herten: Nein, es gilt, anwendungsabhängig die effizienteste Lösung zu finden, die sich auch auf der Kostenseite über den gesamten Lebenszyklus darstellen lässt. Schlussendlich geht es ja darum, die Gesamtemis-sionen zu senken, nicht nur die direkten Emissionen durch Kältemittelaustritt. Deshalb hat Eurovent während der Beratung der EU-Kommission eine ganzheitliche Sicht befürwortet. Was das jeweils beste Kältemittel ist, müssen Planer und Investoren anhand von Effizienz- und Wirtschaftlichkeitsberechnungen anwendungsabhängig entscheiden.

Dunker: Gibt es empfehlenswerte Kältemittel, zum Beispiel natürliche?

Herten: Wer auf natürliche Kältemittel setzt, ist bezüglich der F-Gase-Verordnung auf der sicheren Seite. Aber der Einsatz eines natürlichen Kältemittels muss nicht immer optimal sein. Je nach Anwendung, also Ziel- und Umgebungstemperatur, Anlagengröße und Jahresbetriebsstunden sind unterschiedliche Szenarien möglich.

Dunker: Was sollten Investoren vor diesem Hintergrund beachten, damit ihre Lösung zukunftssicher ist?

Herten: Unabhängig vom Kältemittel ist es wichtig, Sparpotenziale auszunutzen und so oft wie möglich Umweltenergie einzubeziehen, um die Gesamtenergiebilanz zu optimieren. Lohnenswert ist auch „der Blick über den Tellerrand“, etwa nicht nur das Kühlen zu betrachten, sondern auch die Wärmeprozesse im Unternehmen. In vielen Fällen kann die Abwärme einer Kälteanlage mit einer Add-on-Wärmepumpe auf ein Temperaturniveau gehoben werden, das zur Heißwasserbereitstellung, für Prozesswärme in der Nahrungsmittelindustrie oder für Heizzwecke ausreicht. Diese Art der Abwärmenutzung ist deutlich effizienter als zum Beispiel der Einsatz eines Gas-Heizkessels und schont darüber hinaus die Umwelt.

Dunker: Sie sprachen eben an, dass Leckagen auch wegen der Personensicherheit wichtig sind. Hat sich durch die F-Gase-Verordnung hier einen neue Situation ergeben?

Herten: In der Tat ist es so, dass neue synthetische Kältemittel mit geringerem Treibhauseffekt in der Regel eine leichte Brennbarkeit aufweisen, wenn auch auf niedrigem Niveau. Brennbar heißt aber nicht unbeherrschbar. Geräteanbieter, Anlagenbauer müssen mit neuen Kältemitteln umgehen lernen. Bei Eurovent diskutieren wir gerade auf globaler Ebene mit Verbänden aus Amerika und Asien über die resultierenden Anforderungen für die Ausbildung und das Training von Installateuren. Und wir brauchen praxisgerechte Sicherheitsvorgaben.

Aus der F-Gase-Verordnung wachsen also – wie das Beispiel Brandschutz zeigt – viele neue Anforderungen. Ich glaube darum, dass sich die Kälte- und Klimatechnik in den kommenden fünf bis zehn Jahren stärker verändern wird als in den ganzen letzten 50 Jahren. Auch für GEA als Gerätehersteller liefert die neue Verordnung eine Motivation, Entwicklungen in neue Richtungen zu treiben.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Herten.

1) „F-Gase-Verordnung“: Verordnung (EU) Nr. 517/2014 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. April 2014 über fluorierte Treibhausgase und zur Aufhebung der Verordnung (EG) Nr. 842/2006, Amtsblatt der Europäischen Union, L 150, 20. Mai 2014, Download auf www.eur-lex.europa.eu

Inhaltsübersicht

  1. Teil: Planungssicherheit für alle, aber starke Veränderungen
  2. Teil: Vita
  3. Teil: Eurovent Association
  4. Teil: Natürliche oder nicht?
  5. Teil: Zum Thema … F-Gase-Verordnung und Kältemittel
  • 2  Hauptelemente der neuen F-Gas-Verordnung

    Mit einem ab 2015 gültigen Maßnahmenpaket soll der Beitrag von F-Gasen auf den Treibhauseffekt verringert werden.

Bild: GEA

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