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Wärmewende

Heizen mit Wasserstoff: „Erwartet inzwischen niemand mehr“

Yingyaipumi – stock.adobe.com

Eine Horváth-Marktstudie zeigt, dass Energieversorger bis 2025 bei Wasserstoff nur ein geringes Geschäftspotenzial und bis 2030 nur eine kleine Rolle für Wasserstoff-Heizungen sehen.

Wasserstoff war auf den letzten Metern auch im bayerischen Wahlkampf angekommen. Und mitunter wird der Eindruck erweckt, als würde schon recht kurzfristig hauptsächlich sauberer und günstiger Wasserstoff durch die Erdgasinfrastruktur fließen… Doch wie schätzen die Energieversorger ganz nüchtern die kurz- und mittelfristige Entwicklung bei Wasserstoff ein und an welche Bedingungen knüpfen sie diese?

In ihrer Fortschreibung der Nationalen Wasserstoffstrategie hat die Bundesregierung die Bedeutung hervorgehoben, die Wasserstoff und seine Derivate haben, um das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 zu erreichen. Allerdings bleibt das Papier an weiten Stellen vage, etwa bei Aussagen zu Anschubfinanzierung, Förderung des Wasserstoffkernnetzes und der Produktion von Wasserstoff.

Keine Anreize für Investitionen in Geschäftsmodelle

Eine Anfang Oktober 2023 von der Managementberatung Horváth veröffentlichte Studie zeigt, dass Energieversorger bis 2025 aufgrund der Unsicherheit und fehlenden Infrastruktur im Wasserstoffmarkt die geringsten Potenziale im Vergleich zu anderen Marktsegmenten sehen – und zwar über alle möglichen Geschäftsbereiche hinweg, von Eigenerzeugung über Infrastrukturdienstleistungen beziehungsweise Logistik bis hin zum Vertrieb. Für 80 % ist eine bestehende beziehungsweise politisch konkret geplante und geförderte Wasserstoffinfrastruktur die notwendige Voraussetzung, um in Wasserstoffgeschäftsmodelle zu investieren.

Darum hat bislang auch erst jeder vierte Energieversorger eine konkrete Vorstellung davon, wie sein zukünftiges Wasserstoffgeschäftsmodell aussehen wird. Für eigene Investitionen in ein Wasserstoffnetz fehlen den Energieversorgungsunternehmen (EVU) wiederum sowohl die Mittel und Kapazitäten als auch die Anreize.

Kein Glaube (mehr) an Wasserstoff für Raumwärme

Perspektivisch mit Blick auf 2030 steigt der Optimismus, was das Potenzial von Wasserstoff für Geschäftsmodelle der EVU angeht. Insbesondere im Einsatz in der Industrie wird Potenzial gesehen, sowohl in Bezug auf die stoffliche Nutzung als auch die energetische Nutzung.

Im Vergleich zur vorangehenden Erhebung in 2021 ist der Anteil der Befragten, die längerfristig Geschäftspotenzial für die energetische Nutzung von Wasserstoff sehen, sogar um die Hälfte gestiegen. Dagegen erwartet inzwischen niemand mehr, dass Wasserstoff in der Wärmeversorgung privater Haushalte in der Zukunft eine Rolle spielen wird. 2021 hielten dies noch 12 % für möglich.

Anmerkung der Redaktion: Diese Einschätzung ist im Spiegel der Sonderstellung von 100-%-H2-ready-Heizungen in der Novelle für das Gebäudeenergiegesetz bemerkenswert. Da auch Biomethan inzwischen eher kritisch bewertet wird, würde sie aus Sicht der Gaswirtschaft darauf hinauslaufen, alles zu versuchen, den Erdgasausstieg so lange wie möglich zu verzögern.

Für die Branchenbefragung „Strategieentwicklung von Energieversorgern 2023“ wurde eine repräsentative Auswahl an EVU in Deutschland und der Region DACH befragt. Die Stichprobe umfasst über 70 Vorstandsmitglieder und Verantwortliche aus den Bereichen Strategie / Unternehmensentwicklung.

Kraftanstrengung Infrastruktur

Matthias Deeg, Partner und Experte für Energiewirtschaft bei Horváth „Die Geschäftsmodelle für Energieversorger im H2-Bereich sind komplex, da sie entlang eines sich entwickelnden H2-Backbone-Netzes entstehen. Vielmehr zeigen sich die Unternehmen zurückhaltend, weil sie ihre Investitionen maßgeblich von der Regulatorik und konkreten Entscheidungen der Politik hinsichtlich der Nationalen Wasserstoffstrategie abhängig machen.

Es kristallisiert sich heraus, dass eine Anschubfinanzierung durch die Politik elementar ist, um die Wasserstoffwirtschaft zum Erfolg zu führen. Andernfalls liegen erneuerbare Energien, Netze und Wärmeinvestitionen deutlich stärker im Fokus und binden bereits massiv finanzielle Mittel und interne wie externe Ressourcen.“

Wasserstoff attraktiv für Lkw und Busse, weniger für Pkw

In der Fortschreibung der Nationalen Wasserstoffstrategie hat die Bundesregierung die Rolle der Mobilität für die Zukunftstechnologie hervorgehoben. Bei der Verkehrsform bleiben die Aussagen unkonkret. Unter den Versorgern sieht kein einziges Unternehmen Potenzial in der privaten Pkw-Nutzung. Immerhin 58 % sehen dies bei der Nutzung von Wasserstoff für Lkw und Busse. 2021 war der Tenor mit 78 % der Energieversorger jedoch ausgeprägter.

Auch bei der Mobilität bleibt die Infrastruktur ein entscheidender Faktor: Deeg: „Die Tank-Ladeinfrastruktur für Wasserstoff wird auf absehbare Zeit nicht in dem Ausmaß verfügbar sein – dennoch ist sie aktuell eines der naheliegenden Themen für die Versorger beim Einstieg in die regionale Wasserstoffwirtschaft, falls ÖPNV und Logistik in der Region günstige Voraussetzungen bieten.“ ■
Quelle: Horváth / jv

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