Louis Fraser
Das Energiewende-Verbundprojekt Norddeutsches Reallabor (NRL) hat die Studie „Systeme auf dem Weg zur Integration – Industrielle Abwärmenutzung im Kontext der kommunalen Wärmeplanung“ veröffentlicht. Sie untersucht industrielle Abwärme als Option, um Fernwärmenetze zu dekarbonisieren. Die Studie analysiert zudem, welche Faktoren über die Skalierung der Nutzung industrieller Abwärme entscheiden und wo die größten Hemmnisse liegen.
Zahlreiche Städte und Gemeinden in Norddeutschland treiben ihre kommunale Wärmeplanung voran: Im NRL erforschen 50 Partner aus Energiewirtschaft, Industrie, Wissenschaft und Politik, wie die Transformation zur Klimaneutralität im Norden effizient gelingen kann. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) fördert das Großprojekt bis 2027.
Interdisziplinäre Forschung begleitet im NRL die technologischen Erprobungsprojekte, unter anderem zu sozioökonomischen Fragen der Transformation. Grundlage der Studie sind Diskussionen aus der Veranstaltungsreihe der NRL Transformation Labs, die Akteurinnen und Akteure der Energiewende aus verschiedenen Disziplinen zusammengeführt hat.
Studie bewertet das System als stabil, aber anfällig
Als zentrales Ergebnis bewertet die Studie das soziotechnische System, auf dem der Markthochlauf industrieller Abwärmenutzung basiert, als grundsätzlich stabil und funktionsfähig. Mehrere Zukunftsszenarien zeigen einen wünschenswerten Transformationspfad. Als zentrale Herausforderung benennt die Studie, dass Netzausbau und Abwärmenutzung gleichzeitig realisiert werden müssen. Anfällig bleibt das System dennoch für externe Einflüsse. Dazu zählen Änderungen der regulatorischen Rahmenbedingungen.
Planungshorizonte bremsen langfristige Verträge
Damit industrielle Abwärme in großem Stil in Fernwärmenetze eingespeist wird, müssen Netzbetreiber und wärmeabgebende Unternehmen langfristige Lieferverträge schließen. Beide Seiten schließen solche Verträge bislang nur eingeschränkt. Wärmenetzbetreiber kalkulieren typischerweise über mehrere Dekaden, bis sich die Infrastruktur amortisiert. Industrieunternehmen planen oft nur in Zyklen von wenigen Jahren.
Studienautor Robin Jaede, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Competence Center for Energy Transition (CC4E) der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, betont: „Wird industrielle Abwärme als weitere Wärmequelle erschlossen, erfordert dies zum Teil auch neue Netze zu bauen und neue Kunden anzuschließen, die die Wärme abnehmen. Gleichzeitig bedeutet dies ein Risiko, diese Kunden zukünftig nicht mehr zuverlässig beliefern zu können, sollte die industrielle Abwärme nach Laufzeitende des Liefervertrages nicht mehr zur Verfügung stehen. Infrastruktur und Wirtschaftlichkeit stehen hier in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis“.
Regulatorik soll Planung sichern
Als wichtigen Hebel identifiziert die Studie eine stabile Regulatorik: Sie soll verlässliche Anreize für die Einbindung industrieller Abwärme schaffen und den beteiligten Akteuren Planungssicherheit geben. Gezielte Förderung kann zusätzlich helfen, damit Netzbetreiber bei der Erweiterung des Wärmenetzes in Vorleistung gehen können.
Jaede ergänzt: „Die Integration von industrieller Abwärme in Wärmenetze scheitert selten an der Technik – sie scheitert an instabilen Rahmenbedingungen. Ohne verlässliche Regulatorik bleibt wertvolle Wärme ungenutzt. Gerade für Norddeutschland mit seiner starken Industrie kann hier ungenutztes Potenzial für die Wärmewende vorliegen“.
Akzeptanz und Gesetzesänderung beeinflussen Anschlüsse
Die Studie misst auch der gesellschaftlichen Akzeptanz eine Schlüsselrolle zu, weil vor allem Bürgerinnen und Bürger als Endkundinnen und Endkunden mögliche höhere Wärmekosten tragen. Besonders relevant ist das in Gebieten mit vielen Mehrfamilienhäusern. Dort entscheiden meist Eigentümerinnen und Eigentümer über den Heizungswechsel, während Mieterinnen und Mieter die Kosten tragen.
Als besonders einflussreich für den weiteren Anschluss neuer Kundinnen und Kunden an Fernwärmenetze identifizieren die Autorinnen und Autoren die Neufassung des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) als Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG). Durch die erst ab 2029 sukzessive greifenden Biobrennstoffquoten für fossile Heizungen werden diese im Vergleich zum GEG wirtschaftlich attraktiver. Die Studie sieht darin mögliche Folgen für die Anschlussquoten an Fernwärmenetze und damit für deren Wirtschaftlichkeit. Quelle: ar / Norddeutsches Reallabor