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Das deutsche Energiesystem genügt aus Sicht des VDI nicht den energiepolitischen Zielen. In einem aktuellen Zukunftsdialog Energie kommt der Verein zu dem Schluss, dass das System weder im internationalen Vergleich wirtschaftlich noch umweltverträglich oder ausreichend versorgungssicher ist.
Obwohl der Weg zu einem klimaneutralen Energiesystem grundsätzlich richtig und technisch umsetzbar ist, erfolgt die Umsetzung nicht entschlossen genug. Der VDI fordert daher einen sachlichen Blick auf die Herausforderungen sowie gezielte Nachbesserungen bei Tempo, Systemintegration und regulatorischen Rahmenbedingungen, um ein Scheitern der Transformation abzuwenden.
Die Ingenieurinnen und Ingenieure des Vereins betonen die Notwendigkeit eines stärkeren Realismus in der energiepolitischen Debatte. Die Transformation muss ganzheitlich betrachtet werden, unter Einbeziehung der gesamten Wertschöpfungsketten, Kosten, Infrastrukturen und ihrer Wechselwirkungen. Einzelmaßnahmen reichen dabei nicht aus.
Zudem ist das bisherige Umsetzungstempo unzureichend, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Der VDI plädiert für mehr Geschwindigkeit und einen technologieoffenen Ansatz, der verschiedene Lösungsoptionen systematisch berücksichtigt.
Defizite bei Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umwelt
Die Analyse zeigt, dass in keiner der Dimensionen des energiepolitischen Zieldreiecks – Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit – ausreichende Fortschritte erzielt werden. Hohe Energiepreise wirken sich bereits als Standortnachteil für die deutsche Industrie aus. Gleichzeitig bleibt die Versorgungssicherheit aufgrund geopolitischer Risiken und bestehender Importabhängigkeiten anfällig. Auch die Klimaziele für 2045 sind nach Einschätzung des VDI akut gefährdet.
Dr.-Ing. Jochen Lambauer, Vorsitzender der VDI-Gesellschaft Energie und Umwelt (GEU), unterstreicht: „Ein versorgungssicheres und klimaneutrales Energiesystem ist technisch erreichbar, aber nur, wenn wir die Umsetzung jetzt deutlich beschleunigen und bestehende Hemmnisse konsequent abbauen. Entscheidend sind klare Prioritäten, verlässliche Rahmenbedingungen und ein realistischer Umgang mit den Herausforderungen in Netzen, Genehmigung und Infrastruktur.“
Dipl.-Phys. Gerhard Stryi-Hipp, Vorsitzender des VDI-Fachausschusses Regenerative Energien, ergänzt, dass die Energiewende ein komplexer Marathon sei, bei dem die richtige Balance von Maßnahmen in Erzeugung, Infrastruktur, Speicherung und Verbrauch sowie der Sektorenkopplung gefunden und kontinuierlich angepasst werden müsse.
Infrastruktur, Flexibilität und gesicherte Leistung
Ausgewertete Energiesystemmodellierungen prognostizieren für 2045 einen moderaten Rückgang des Energiebedarfs, wobei Strom zur dominierenden Endenergieform wird. Die Stromerzeugung wird überwiegend auf Wind- und Photovoltaikanlagen basieren. Dies reduziert zwar die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten, führt aber zu neuen Abhängigkeiten bei Technologien und Rohstoffen, beispielsweise von China im Bereich Photovoltaik.
Mit dem steigenden Anteil fluktuierender erneuerbarer Energien wächst der Bedarf an Flexibilität im Stromsystem deutlich. Kurzfristige Schwankungen müssen künftig verstärkt durch Speicher, insbesondere Großbatterien, sowie durch flexible Nachfrage aus Industrie und Haushalten ausgeglichen werden. In diesem Kontext sind die Digitalisierung der Stromnetze und der Smart Meter Rollout zu beschleunigen sowie das Marktdesign an die Erfordernisse des zukünftigen Energiesystems anzupassen.
Für Erzeugungslücken bei geringer Sonneneinstrahlung und Wind im Winter ist gesicherte Kraftwerksleistung unverzichtbar. Die Analyse deutet darauf hin, dass bis 2045 eine Kapazität von 70 bis zu 146 GW erforderlich sein könnte. Eine Herausforderung stellt die geringe Auslastung dieser Reservekraftwerke dar (geschätzt 935 bis 1200 Volllaststunden im Jahr), was die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und die Einführung entsprechender Regulatorik erfordert, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
Forderungen für eine erfolgreiche Energiewende
Die Transformation des Energiesystems erfordert erhebliche Investitionen in Infrastruktur, Netze und neue Technologien. Trotz langfristig sinkender variabler Kosten durch reduzierte Energieimporte ist kurzfristig mit steigenden Energiepreisen zu rechnen. Dabei verschiebt sich die Importabhängigkeit von Energieträgern hin zu Technologien und Rohstoffen, die in einzelnen Weltregionen konzentriert sind.
Der VDI formuliert klare Impulse für die Energiepolitik:
● Beschleunigung des Ausbaus von Infrastruktur und Flexibilitätsoptionen: Dazu gehören der zügige Netzausbau, die Integration von Speichern und die Digitalisierung des Energiesystems zur besseren Steuerung von Erzeugung und Verbrauch.
● Verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen in gesicherte Kraftwerksleistung: Marktliche und regulatorische Instrumente sind notwendig, um langfristige Planungssicherheit zu schaffen und Investitionen in flexibel einsetzbare Kraftwerkskapazitäten wirtschaftlich zu ermöglichen.
● Stärkung von Forschung, Ausbildung und industrieller Wertschöpfung in Schlüsseltechnologien: Ziel ist es, technologische Abhängigkeiten zu reduzieren, Innovationszyklen zu verkürzen und die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland zu sichern.
● Weiterentwicklung der Energiesystemmodellierung: Annahmen, Szenarien und Systemgrenzen sollen transparenter gestaltet und um alternative Entwicklungspfade sowie geopolitische und wirtschaftliche Einflussfaktoren ergänzt werden.
Quelle: VDI / fl