ZVEH
Das Forschungsprojekt „CraftForward“ entwickelt einen digitalen Produktpass, der zirkuläre Geschäftsmodelle in Servicebetrieben des Handwerks unterstützt.
Das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik IPK leitet das Projekt. Partner sind der Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH), die Budatec GmbH, die Bürkle + Schöck Transformatoren GmbH und die KSB SE & Co. KGaA.
Das Projekt wurde am 10. März 2026 auf der Light + Building in Frankfurt am Main vorgestellt. Ziel ist es, das Reparieren, Nutzen und Weiterverwenden von Produkten und Bauteilen im Sinne einer Kreislaufwirtschaft effizienter zu gestalten.
Fehlende Daten erschweren Nachhaltigkeit
Handwerksbetriebe treffen täglich Entscheidungen über Instandsetzung, Austausch oder Weiterverwendung von Produkten. Oft fehlen ihnen jedoch notwendige Daten zu den Objekten. Beim Verkauf eines Produkts gehen viele produkt- und chargenspezifische Informationen verloren. Servicebetriebe erhalten bei Reparatur- oder Wartungsaufträgen meist nur Typbezeichnung und Baujahr, nicht aber Materialzusammensetzung oder eine zentrale Servicehistorie.
Zudem ist der aktuelle Zustand eines Produkts oft unbekannt, da Verschleiß-, Betriebs- und Umweltdaten selten sensorisch erfasst oder strukturiert bereitgestellt werden. Zustandsermittlungen erfolgen häufig manuell durch Sicht- oder Demontageprüfung. Uneinheitliche Identifikationssysteme, herstellerspezifische Ersatzteilkataloge und Medienbrüche zwingen Servicebetriebe, Informationen aus mehreren Portalen zusammenzusuchen. Dies kostet Zeit und Geld, führt zu Fehl- oder Doppelbestellungen, Mehrfachfahrten und langen Stillstandzeiten. Fehlende standardisierte Angaben zu Materialzusammensetzung und Demontagefolge bei ausgebauten Komponenten führen oft dazu, dass diese entsorgt statt wiederverwertet werden.
Thomas Bürkle, technischer Geschäftsführer der Bürkle + Schöck Transformatoren GmbH, bestätigt dies: „Wir müssen es schaffen, diesen Prozess zu standardisieren, dann sorgen wir gleichermaßen für Nachhaltigkeit und Wertschöpfung. Ein 20 Jahre alter Transformator kann beispielsweise nahezu vollständig wieder dem Wertstoffkreislauf zugeführt werden. Dabei generiert er Erlöse ungefähr in der Höhe seiner Anschaffungskosten.“
Ganzheitliche Informationsbasis für zirkuläre Strategien
„CraftForward“ will Reparatur-, Upgrade- und Rückführungsprozesse durch digitale Technologien, Geschäftsmodell-Methoden und Datenraum-Standards technisch handhabbar, wirtschaftlich attraktiv und regulatorisch anschlussfähig machen.
Die Projektpartner verfolgen zwei Ansätze:
1. Erweiterter Digitaler Produktpass (DPP): Dieser integriert Produkt- und Serviceinformationen und schafft eine ganzheitliche Informationsbasis für alle Beteiligten über alle Phasen des Produktlebenszyklus. Der Fokus liegt auf den Schnittstellen zwischen industriellen Herstellern und Handwerksbetrieben, zum Beispiel bei Wartung, Reparatur oder Rücknahme von Geräten und Komponenten. Ein konfigurierbares DPP-System erfasst über einen digitalen Produkt- und Service-Zwilling Informationen zu Material, Bauteilen, Laufzeiten und Nutzung.
2. Bewertung zirkulärer Strategien: Zirkuläre Strategien, wie die R-Strategien der Kreislaufwirtschaft (Repair, Refurbish, Remanufacture, Reuse), werden definiert und auf ihre Umsetzbarkeit in individuellen Geschäftsmodellen hin analysiert und strukturiert. Sie lassen sich mit realen Betriebsdaten ökonomisch bewerten. Die Prämisse ist, dass für jede Strategie die relevanten Informationen wie Material, Alter oder Zustand des Bauteils vorliegen. Key Performance Indicators (KPIs) der Kreislaufwirtschaft werden für die wirtschaftliche Bewertung der Strategien auf spezifische Anwendungsszenarien bezogen.
Deike Magret Ihnen, Projektleiterin am Fraunhofer IPK, erläutert: „Wir wollen zirkuläre Strategien nicht nur beschreiben, sondern orientiert an Standards wie der ISO 59020/59040 über ein Kennzahlensystem bewerten. Auf diese Weise werden Geschäftsmodelle und ihre ökologische Wirkung nachvollziehbar, und Unternehmen treffen darauf basierend fundierte Serviceentscheidungen.“
Handwerksbetriebe werden so daten- und prozessseitig in zirkuläre Produkt-Service-Systeme eingebunden, einschließlich Rückmeldeschleifen an Hersteller durch strukturierte Service- und Zustandsdaten. „Indem wir die Daten zwischen Service und Produkt integrieren, schließen wir die Lücke zwischen Handwerk und Industrie“, so Ihnen. Die Budatec GmbH demonstriert dies mit einem Referenzprodukt, das Daten für einen digitalen Produktzwilling, Nachhaltigkeitsbetrachtung, vorausschauende Wartung und neue KI-unterstützte Geschäftsmodelle erfasst und verwaltet.
Vorteile für Handwerk und Hersteller
Der Zugriff auf produkt- und servicebezogene Informationen ermöglicht es kleinen und mittelständischen Unternehmen mit Service als Geschäftsmodell, nicht abrechenbare Such- und Klärzeiten zu reduzieren und Aufwände für Reparaturen und Upgrades besser zu kalkulieren.
Paul Seifert, Leiter Technik und Digitalisierung beim ZVEH, betont: „In Zeiten des demografischen Wandels und des damit verbundenen Fachkräftemangels müssen wir versuchen, so viele Prozessschritte wie möglich zu digitalisieren. Wir haben die Notwendigkeit, nachhaltig und effizient zu handeln, aber auch die digitalen Möglichkeiten für eine zeitnahe Umsetzung.“
Hersteller von komplexen Anlagen erhalten strukturierte Service- und Nutzungsrückmeldungen, was die Produktverbesserung unterstützt. Sie können zudem zirkuläre Serviceangebote wie Refurbishment, Ersatzteilkreisläufe oder Pay-per-Use umsetzen. Das Ergebnis sind schnellere und sicherere Serviceentscheidungen.
Über „CraftForward“:
Das Projekt „CraftForward“ wird bis zum 31. Januar 2029 mit rund 1,1 Mio. Euro vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert.
Quelle: ZVEH / fl