Der Artikel kompakt zusammengefasst
Hilti
- Passive, aktive oder hybride Exoskelette verstärken, stützen und entlasten partiell das menschliche Skelett und den Muskelapparat und beugen Überbelastungen vor.
- Je nach System unterstützen Exoskelette unterschiedliche Körperteile – am häufigsten Arme und Schultern oder der Rücken.
- Während biomechanische Kurzzeitstudien signifikante Entlastungen der Muskulatur nachweisen konnten, gibt es bisher keine belastbaren Belege für eine langfristige präventive Wirkung gegen Muskel-Skelett-Erkrankungen.
- Im praktischen Einsatz sind individuelle Einstellmöglichkeiten, ein geringes Gewicht, eine möglichst geringe Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Flexibilität und ein hoher Tragekomfort wichtig.
Tragbare Hebe- und Montagehilfen, sogenannte Exoskelette, können SHK- oder Elektro-Installateure bei Über-Kopf-Arbeiten oder beim Heben von Lasten unterstützen. Welche Exoskelette gibt es, was können sie und worauf sollte man bei der Auswahl achten?
Zum Berufsbild von Installateuren für Sanitär, Heizung, Lüftung, Klima oder Elektro gehören körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten. Der Transport und die Montage von Wärmeerzeugern, Speichern, Sanitärobjekten, Schaltschränken oder Kabeln, das Klopfen oder Fräsen von Schlitzen, die Arbeit mit schweren Geräten oder Werkzeugen – häufig über Kopf – beanspruchen Schultern, Nacken, Rücken, Muskeln und Gelenke.
Eine ständige, sich immer wiederholende Belastung dieser Körperpartien kann sich langfristig negativ auf die Produktivität auswirken, zu krankheitsbedingten Fehlzeiten und gesundheitlichen Schäden führen. Eng am Körper getragene Hebe-, Trage-, Montage- und Arbeitshilfen, sogenannte Exoskelette („Außenskelette“), versprechen Abhilfe.
Exoskelette sind künstliche Hebe- und Tragehilfen, die man sich wie einen Rucksack umschnallen kann. Sie verstärken, stützen und entlasten das Skelett und den Muskelapparat und verhindern eine Überbelastung. Je nach System, werden unterschiedliche Körperteile wie Schulter, Rücken, Beine, Ellenbogen, Handgelenke oder Finger unterstützt. Am weitesten verbreitet sind schulter- oder rückenunterstützende Exoskelette.
Festool
Passiv, aktiv und hybrid
Unterschieden werden passive und aktive Exoskelette, sowie Hybridsysteme. Passive Systeme funktionieren mit der Kraft elastischer Bänder, mechanischer Federn oder Gasdruckfedern auch ohne Energiezufuhr. Sie sind leicht, kompakt und wartungsarm. Nur aus elastischen Materialien bestehende Soft-Exoskelette können auch unter der Arbeitskleidung getragen werden, unterstützen allerdings keine Über-Kopf-Arbeiten.
Aktive Exoskelette werden elektrisch oder pneumatisch angetrieben und sind leistungsfähiger. Den Strombedarf liefern Akkus, die Stärke der Unterstützung wird manuell oder automatisch geregelt. Die künstlichen Hebehilfen wiegen zwischen 1 und bis zu 5 kg, sind für 10 bis 40 kg schwere Lasten oder mehr ausgelegt und entlasten Muskelpartien zwischen 20 und bis zu 75 %, je nach Hersteller und System. Über verstellbare Gurte und Manschetten werden sie mit Armen, Schultern, Brust und Rücken sowie den Oberschenkeln verbunden und lassen sich an unterschiedliche Körpergrößen anpassen. Polster sorgen für eine gleichmäßige Verteilung der Lasten und beugen Druckstellen vor.
German Bionic
Einsatzmöglichkeiten im Baubereich
Eingesetzt werden Exoskelette bereits seit vielen Jahren in der Medizin, beispielsweise für Reha-Maßnahmen bei der betrieblichen Wiedereingliederung genesener Mitarbeiter. Weitere Einsatzgebiete sind die Automobil- und Logistikbranche und das Militär. In der Bauindustrie kommen Exoskelette bei der Produktion von Betonfertigteilen, Stahl- oder Holzkonstruktionen, Fenstern oder Fassaden, im Bauhandwerk bei Rohbauarbeiten, Maler- oder Trockenbaubetrieben oder im Garten- und Landschaftsbau zum Einsatz.
Htrius
Auch in der SHK- oder Elektrobranche werden Installateure bei Arbeiten an der Wand, bei Über-Kopf-Arbeiten oder beim Tragen und Heben von Lasten unterstützt: beim Stemmen von Wandschlitzen, bei der Deckeninstallation von Wasser- und Abwasserleitungen, Lüftungskanälen, Sprinkleranlagen oder Kabelschienen. Auch beim Transport und der Montage von WCs, Badewannen, Duschtassen, Heizkesseln, Wärmepumpen, Wasserspeichern und anderen schweren Bauteilen werden vor allem Rücken und Oberschenkel entlastet.
Aber die Entwicklung geht weiter. Aktive Exoskelette erkennen KI-gestützt Arbeitsabläufe automatisch und passen die Unterstützung des Trägers in Echtzeit an. Werden die Exoskelette mit dem Internet der Dinge (IoT) vernetzt, lassen sich Aktivitäten und Belastungswerte für statistische Zwecke zur Analyse der geleisteten Arbeit oder für die Abrechnung von Tätigkeiten auswerten. In Industrie-4.0-Umgebungen können sich einige Exoskelette mit Maschinen oder Anlagen vernetzen, um mit ihnen zu interagieren und so die Effizienz von Arbeitsabläufen zu steigern.
Exoskelette in der Praxis
Der Einsatz von Exoskeletten empfiehlt sich prinzipiell an allen nicht-stationären Arbeitsplätzen und für Tätigkeiten, die auf Über-Kopf-Arbeiten oder das Heben und Tragen schwerer Lasten fokussiert sind – und die gleichzeitig den Einsatz technischer Hilfsmittel wie Galgenkränen, Hubwagen oder Hubtischen ausschließen, etwa aufgrund enger Bau- oder Montageräume.
Entscheidend für die Akzeptanz von Exoskeletten in der Praxis sind ein geringes Gewicht, kompakte Abmessungen, eine einfache Handhabung und ein guter Tragekomfort, auch im Sommer. Beachten sollte man dabei, dass Scheuerstellen an Gurten, Manschetten oder Auflageflächen erst nach längerem Gebrauch auftreten. Arm- oder Beinmanschetten oder das komplette Exoskelett sollten außerdem schnell an- und ausgezogen werden können, pflegeleicht oder waschbar sein. Es sollte sich an individuelle Körperproportionen und Anforderungen des Nutzers flexibel anpassen lassen und eine gute, individuell dosierbare Unterstützung bieten.
Da das Anlegen und die individuelle Einstellung „Rüst-Zeit“ erfordert, ist ein eigenes System für jeden Mitarbeiter empfehlenswert. Beim Gehen und Treppen steigen, beim Heben und Arbeiten sowie auf Leitern oder Gerüsten sollte das Exoskelett den Träger außerdem nicht behindern und auch durch enge Türen oder Durchgänge passen, ohne anzuecken oder hängen zu bleiben. Dies gilt insbesondere für die voluminöseren aktiven Systeme. Hier sollte man auch darauf achten, dass das Gesamtgewicht nicht zu hoch ist und dass der Akku möglichst lange durchhält. Im Außenbereich kommt es zusätzlich darauf an, dass die Konstruktion unempfindlich gegen Nässe und Feuchtigkeit ist.
Htrius
Produktbeispiele
Zahlreiche Hersteller offerieren auch für das Bauhandwerk geeignete Exoskelette (siehe Info-Kasten). Die folgenden Absätze stellen ausgewählte Produkte beispielhaft vor. Die Preise liegen, je nach System, zwischen 2500 und 15.000 Euro (zzgl. MwSt.), bei aktiven Systemen auch mehr. Der Handel bietet teilweise auch kostenlose und unverbindliche Tests oder die Miete von Geräten an.
Exia von German Bionic ist ein robustes, staub- und wasserdichtes, KI-gestütztes Exoskelett, speziell für den industriellen Einsatz und die Logistik entwickelt. Es entlastet den unteren Rücken bei Hebevorgängen, Tragen und in vorgebeugter Haltung mit bis zu 38 kg. Das System passt sich per KI in Echtzeit an den Nutzer an und lernt aus den Bewegungsdaten. Eine Cloud-basierte Analyseplattform ermöglicht ergonomische Auswertungen, das Monitoring von Aktivitäten sowie das Flottenmanagement.
Suitx / Ottobock
Exo-S von Hilti ist ein passives, ca. 2,2 kg leichtes Schulter-Exoskelett für Über-Kopf- und Wandarbeiten im ganztägigen Einsatz. Die Unterstützung des Exoskeletts kann per Knopf-Drehung eingestellt werden. Das praxisorientierte Design soll das Tragen, Einstellen und Reinigen erleichtern. Eine optionale Nackenstütze bietet zusätzliche Entlastung bei besonders anspruchsvollen Über-Kopf-Arbeiten.
ExoActive von Festool ist ein aktives, mit einem 18-V-Akku betriebenes Exoskelett, das sowohl Über-Kopf-Arbeiten als auch Arbeiten an der Wand, beispielsweise das Stemmen von Schlitzen, unterstützt. Die Unterstützungskraft kann exakt auf die jeweilige Tätigkeit angepasst werden und soll die Schultermuskulatur um bis zu 30 % entlasten. Per App lässt sich das ExoActive individuell einstellen.
Festool
IX Shoulder Air von Suitx / Ottobock entlastet die Schultern des Trägers um bis zu 40 %. Das 2,4 kg leichte passive Exoskelett ermöglicht ein schnelles An- und Ablegen in 25 Sekunden und kann durch die separate integrierbare Nackenstütze CX Easy Neck zur Entlastung der Halswirbelsäule und durch eine Lasche für Werkzeughalterungen ergänzt werden. Textile Teile sind abnehmbar und waschbar.
OmniSuit vom schweizerischen Hersteller Auxivo ist ein passives Mehrzweck-Exoskelett, das sowohl Arme und Schultern als auch den Rücken unterstützt. Damit eignet sich die ca. 3 kg leichte flexible Lösung für Über-Kopf-Arbeiten ebenso wie für das Heben und die Montage beispielsweise von Sanitärobjekten. Herstellerangaben zufolge werden Schultermuskeln um 40 %, Rücken und Hüfte um 45 % entlastet.
Noonee / Carl Stahl
Auswahl und Einführung
Vor der Auswahl und Einführung sollte geprüft werden, ob man das Arbeitsumfeld auch mit anderen Maßnahmen ergonomischer gestalten kann. Auch organisatorisch lassen sich körperliche Belastungen reduzieren, zum Beispiel mit einer Beschränkung der Tätigkeitsdauer oder einer Verteilung auf mehrere Mitarbeiter. Erst dann, wenn technische und organisatorische Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg bringen, sollten Exoskelette eingeführt werden.
Ein wichtiges Auswahlkriterium ist die Frage, welche Körperregion unterstützt werden soll, denn die meisten Systeme sind entweder für das Heben / Tragen oder für Über‑Kopf‑Arbeiten optimiert, aber nicht für beides gleichzeitig. Die Auswahl des passenden Modells unterstützen mittlerweile diverse Leitfäden, z. B. [1, 5] und Web-Portale.
Deutsche Krankenkassen und Rentenversicherungen übernehmen für Beschäftigte mit Vorerkrankungen oder Beschwerden die Kosten für ein Exoskelett, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen – zum Beispiel im Zusammenhang mit einer Mitarbeiter-Wiedereingliederung. Die „Arbeitsschutzprämie“ der BG BAU (siehe auch: www.bgbau.de/exoskelett-einweisung) verfolgt einen präventiven Ansatz und richtet sich an Versicherte zur frühzeitigen Unterstützung. Gefördert wird die Einführung und Einweisung in die Handhabung von Exoskeletten, einschließlich eines zweiwöchigen Praxistests am Arbeitsplatz mit einem Zuschuss von bis zu 50 % (maximal 1500 Euro). Marian Behaneck
Auxivo
Exoskelette – pro und kontra
Skelex
Diversen Statistiken der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) oder des Arbeitsmedizinischen Dienstes der BG BAU [2] zufolge, sind in der Baubranche körperliche Fehlbelastungen von Schultern und Oberarmen, Rumpf, Rücken oder der Wirbelsäule besonders häufig, was zu krankheitsbedingten Fehlzeiten führt. Exoskelette können dem vorbeugen. Außerdem bieten sie Arbeitnehmern mit Handicaps, nach Krankheiten oder Unfällen Chancen für eine (Wieder-)Eingliederung ins Berufsleben. Auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und des demographischen Wandels gibt es einen Bedarf, Arbeiten auf dem Bau attraktiver zu gestalten.
Aktuelle Studien zur Wirksamkeit von Exoskeletten zeigen allerdings ein zweigeteiltes Bild: Während biomechanische Kurzzeitstudien, beispielsweise der ETH Zürich oder der TU Graz, signifikante Entlastungen der Arbeitenden belegen, fehlen bisher belastbare Nachweise für eine langfristige präventive Wirkung gegen Muskel-Skelett-Erkrankungen. Die AMWF-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin etwa sieht keine ausreichende Evidenz zum Einsatz von Exoskeletten bei Beschäftigten mit Rückenschmerzen, Gelenkbeschwerden oder Schmerzen der Muskulatur hinsichtlich einer Symptomlinderung oder Vorbeugung [4].
Da erhöhte Belastungen an einer Stelle meist an einer anderen Stelle wieder in den Körper eingeleitet werden, besteht die Gefahr, dass Überlastungen, Muskel-, Skelett- oder Gelenkschäden lediglich verlagert werden. Insbesondere aktive Exoskelette befähigen den Träger, mehr zu leisten. Deshalb sehen Berufsgenossenschaften die Gefahr eines missbräuchlichen und gesundheitsschädigenden Einsatzes. Ausdrücklich hingewiesen wird auch auf mögliche Unfallgefahren durch Kollisionen, Hängenbleiben oder Fehlfunktionen.
Literatur und Lösungen
Auxivo
[1] Amato, P.: Exoskelette im Handwerk. . Berlin: Mittelstand-Digital Zentrum Handwerk. 2023, Download auf handwerkdigital.de
[2] Arbeitsmedizinischer Dienst der BG BAU (Hrsg.): Betriebsärztlicher Gesundheitsbericht für Installateure. Berlin: BG BAU, Download auf bgbau.de
[3] Argubi-Wollesen, A.: Das leisten Exoskelette im SHK-Alltag. Stuttgart: Gentner Verlag, SBZ 10-2023
[4] Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (Hrsg.): Einsatz von Exoskeletten im beruflichen Kontext zur Primär-, Sekundär-, und Tertiärprävention von arbeitsassoziierten muskuloskelettalen Beschwerden. München: DGAUM, Download über awmf.org
[5] DGUV (Hrsg.): Mensch und Arbeitsplatz – Auswahl und Einsatz von Exoskeletten, DGUV-Information 208-062. Berlin: DGUV, 2025, Download über bgbau.de
[6] Riemer, J.: Ergonomische Bewertung des Langzeiteinsatzes von passiven Exoskeletten in der Arbeitswelt. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2024, Download über baua.de
[7] Schick, R.: Exoskelette in der Arbeitswelt: Aktueller Kenntnisstand. Dresden: DGUV-Vortrag vom 28.06.2023, Download über arbeitsschutz.sachsen.de
Spitzer / Klingbiel, Suitx / Ottobock
[8] Link-Tipps:
www.bgbau.de Rubrik: Sicherheit und Gesundheit
www.exoskelette.com Anbieter mit vielen Zusatzinfos
[8] Produkte / Hersteller (Auswahl)
Ant A10 etc. www.sunaro.de
Apex 2 www.herowearexo.com
Chairless Chair etc. www.noonee.com
DeltaSuit www.auxivo.com
Ekso EVO www.eksobionics.com
Exia etc. www.germanbionic.com
Exo-S etc. www.hilti.de
Exo 18 www.festool.de
Htrius www.htrius.com
Hapo Back etc. www.ergosante.fr/de
IP 10 etc. www.gobio-robot.com
IX Back Volton etc. www.suitx.com
Laevo Flex etc. www.laevo-exoskeletons.com
Mate-XT Go www.comau.com
Skelex 360 etc. www.skelex.com
SoftExo www.hunic.com
Symbo etc. www.rb3d.com