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Stefan Reith über eine neue Projektkultur im Bauwesen

„Wenn Menschen wollen, gelingt es – schneller und nachhaltiger“

Bild 1 Stefan Reith: „Systemische Ansätze helfen, Missverständnisse früh zu erkennen, unterschiedliche Fachexpertisen produktiv zu verknüpfen und tragfähige Lösungen zu entwickeln.“

Wolfgang Zloddj

Bild 1 Stefan Reith: „Systemische Ansätze helfen, Missverständnisse früh zu erkennen, unterschiedliche Fachexpertisen produktiv zu verknüpfen und tragfähige Lösungen zu entwickeln.“

Stefan Reith stellt Menschen in den Mittelpunkt technischer Prozesse. Mit 20 Jahren internationaler Projekterfahrung in unterschiedlichsten Branchen – von Automotive über Freizeittechnik bis Industrie – hat er eine neue Projektmethode für die Baubranche entwickelt: Wenn alle Beteiligten dasselbe Ziel haben, können Großprojekte schneller, günstiger und nachhaltiger realisiert werden.

Wie Technik und Psychologie zusammenhängen, weshalb gute Führung immer beim Zuhören beginnt und was das Ganze mit Musik zu tun hat, erläutert er im Gespräch mit der TGA+E-Redaktion.

TGA+E: Herr Reith, Sie sind Ingenieur – und gleichzeitig ausgebildet in systemischer Organisationsentwicklung. Wie passt das zusammen?

Reith: Ich habe als klassischer Ingenieur angefangen, mit einem Faible für Zahlen, Prozesse und Technik. Über die Jahre habe ich gemerkt: Technik funktioniert nur, wenn Menschen wollen. Maschinen sind berechenbar – Menschen nicht. Mich hat irgendwann viel mehr interessiert, warum Menschen (oder Mitarbeitende) sich so verhalten, wie sie sich verhalten. Warum jemand im Winter das Fenster aufmacht, während die Heizung läuft. Warum Teams im Unternehmen aneinander vorbei arbeiten, obwohl alle das Gleiche wollen.

Ich wollte verstehen, was in Organisationen passiert, wenn Menschen plötzlich seltsam werden – und stellte fest: Nicht die Menschen sind komisch, Unternehmen machen sie so. Deshalb machte ich eine Weiterbildung in systemischer Organisationsentwicklung und habe mich mit Verhaltenspsychologie beschäftigt. Heute erkenne ich innerhalb von drei Stunden, warum ein Projekt nicht läuft oder ein Unternehmen in Schwierigkeiten steckt. Und was es braucht, damit es wieder funktioniert.

Bild 2 CO2-freies Jumo-Fertigungsgebäude in Fulda: Mit einer Investition von rund 50 Mio. Euro ist der Neubau mit 13.000 m2 Produktionsfläche für die Fertigung von Temperatur- und Drucksensoren im Technologiepark Fulda-West die größte Investition in der Jumo-Geschichte. Das innovative Energiekonzept von Sensilo wurde von der Europäischen Union kofinanziert und umfasst einen Sprinklertank als Energiespeicher sowie Wärmepumpen, 20 Erdwärmesonden à 100 m Tiefe, Kältemaschinen mit einer Leistung von 1200 kW und eine 700-kWp-Photovoltaik-Anlage. Dadurch lassen sich Lastspitzen kappen, Energiebedarfe zeitlich verschieben und Abwärme effizient nutzen, was den Einsatz fossiler Energieträger vor Ort überflüssig macht. Auch die CO2-Emissionen und der Primärenergieverbrauch werden deutlich reduziert.

Jumo

Bild 2 CO2-freies Jumo-Fertigungsgebäude in Fulda: Mit einer Investition von rund 50 Mio. Euro ist der Neubau mit 13.000 m2 Produktionsfläche für die Fertigung von Temperatur- und Drucksensoren im Technologiepark Fulda-West die größte Investition in der Jumo-Geschichte. Das innovative Energiekonzept von Sensilo wurde von der Europäischen Union kofinanziert und umfasst einen Sprinklertank als Energiespeicher sowie Wärmepumpen, 20 Erdwärmesonden à 100 m Tiefe, Kältemaschinen mit einer Leistung von 1200 kW und eine 700-kWp-Photovoltaik-Anlage. Dadurch lassen sich Lastspitzen kappen, Energiebedarfe zeitlich verschieben und Abwärme effizient nutzen, was den Einsatz fossiler Energieträger vor Ort überflüssig macht. Auch die CO2-Emissionen und der Primärenergieverbrauch werden deutlich reduziert.

TGA+E: Können Sie uns den Begriff systemische Organisationsentwicklung etwas näherbringen? Was sind die wesentlichen Inhalte und Zielsetzungen? Wo wird sie eingesetzt?

Reith: Die systemische Organisationsentwicklung ist ein Ansatz, der Organisationen als „lebendige“ Systeme begreift. Dabei stehen nicht einzelne Personen oder isolierte Abläufe im Fokus, sondern die Beziehungen, Kommunikationsmuster und Wechselwirkungen zwischen allen Beteiligten. Probleme werden nicht als objektive Tatsachen verstanden, sondern als Ergebnis unterschiedlicher Wahrnehmungen und Bewertungen: Was für den einen ein Hindernis ist, kann für andere eine Chance sein.

Kerngedanke ist eine systemische Haltung der Neugier statt des Urteilens. Verschiedene Sichtweisen werden als wertvoll anerkannt, denn jeder Beteiligte konstruiert seine eigene Wirklichkeit aus seiner Position heraus. Es gibt nicht die eine richtige Sicht, sondern mehrere berechtigte Perspektiven. Statt nach Schuldigen zu suchen, werden die zugrunde liegenden Dynamiken verstanden und konstruktiv verändert. Lösungen entstehen im Dialog und werden gemeinsam entwickelt.

Die konsequente Anwendung systemischer Methoden in der Steuerung technischer Projekte ist ein neuartiger Ansatz, der bei dem Referenzprojekt „Jumo Sensilo“ pilotiert wurde. Es hat sich gezeigt, dass gerade bei komplexen Projekten mit vielen Gewerken, Planern und Schnittstellen das Potenzial besonders deutlich wird. Systemische Ansätze helfen, Missverständnisse früh zu erkennen, unterschiedliche Fachexpertisen produktiv zu verknüpfen und tragfähige Lösungen zu entwickeln. Gerade bei innovativen Ansätzen, bei denen verschiedene Disziplinen eng zusammenarbeiten müssen, wird dies zum entscheidenden Erfolgsfaktor.

Stefan Reith (Jahrgang 1978) ist Diplom-Ingenieur Maschinenbau (Energietechnik) und hat sich zum systemischen Organisationsentwickler weitergebildet. Er ist zertifiziert nach INQA, BAFA, RKW und DGFS. Sein großes Interesse gilt der Verhaltenspsychologie im Businesskontext und er ist bekannt als Impulsgeber, Macher und Vortragsredner im In- und Ausland. www.stefan-reith.de

Wolfgang Zloddj

TGA+E: Sie haben 20 Jahre Projektmanagement-Erfahrung auf allen bewohnten Kontinenten gesammelt. Was haben Sie dort gelernt?

Reith: Menschen ticken grundsätzlich überall gleich. Ob in Europa, Asien oder Südamerika: Jeder will einen guten Job machen. Nur wissen viele nicht mehr, was das in ihrem Kontext heißt – oder wie sie es erreichen können. Ich habe Projekte in der Automobilindustrie, im Freizeitbereich und im industriellen Umfeld geleitet, Patente angemeldet, Produktionsprozesse optimiert. Das war viel Pionierarbeit und irgendwann wurde klar: Der Engpass liegt selten in der Technik, sondern fast immer im Miteinander. Motivation entsteht nicht durch Druck, sondern durch Sinn, Zugehörigkeit und Vertrauen. Wenn Menschen verstehen, warum sie etwas tun und welchen Beitrag sie leisten, wächst Leistung über sich hinaus. Leadership bedeutet, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Menschen leisten wollen – nicht müssen.

TGA+E: Sie haben daraus eine neue Projektmethode für die Baubranche entwickelt. Wie kam es dazu?

Reith: Ich habe mich gefragt: Warum sind eigentlich fast alle Bauprojekte nicht zufriedenstellend? Bauherren wollen ein gutes, günstiges und schnell errichtetes Gebäude. Planer wollen planen und die Ausführenden wollen bauen. Und am Ende sind alle mehr oder weniger unzufrieden – weil Kosten- und Zeitrahmen nicht gehalten wurden, es Stress und Ärger gab und das Ergebnis nicht die gewünschte Qualität erreicht.

Das muss besser gehen. Also habe ich eine Methode entwickelt, bei der alle Beteiligten an einem Strang ziehen – aber nicht in unterschiedliche Richtungen, sondern in die gleiche Richtung.

Bild 3 Schematische Darstellung des Jumo-Sensilo-Energiekonzeptes mit erneuerbaren Energien und Erzeuger- und Speichertechnik.

Stefan Reith

Bild 3 Schematische Darstellung des Jumo-Sensilo-Energiekonzeptes mit erneuerbaren Energien und Erzeuger- und Speichertechnik.

Wir haben das bei Jumo Sensilo, einem rund 50-Millionen-Euro-Projekt (Bild 2), umgesetzt, und die Ergebnisse sind beeindruckend: Kürzere Laufzeit, niedrigere Kosten, höhere Zufriedenheit und ein CO2-neutrales Gebäude (Bild 3). Mit dem richtigen Team, der richtigen Denkweise und der richtigen Projektstruktur können die Erwartungen übertroffen werden. Für den Bauherrn ist das mehr als nur wirtschaftlich, denn gleichzeitig steigt die Unabhängigkeit und somit die Resilienz des Unternehmens. Nachhaltigkeit ist in dem Fall kein Kostenfaktor, sondern ein Wettbewerbs- und Innovationsvorteil.

TGA+E: Wie haben Sie das geschafft?

Reith: Wir haben alle früh eingebunden – Bauherr, Planer, Ausführende. Indem wir gemeinsam gedacht und gemeinsam optimiert haben, wusste jeder, was die Bauaufgabe wirklich ist. Es gab keine klassischen Ausschreibungen, sondern indikative Angebote mit Referenzpreisbildung, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

Das Ziel war klar: Der Endtermin und die Gesamtkosten zählen – nicht die Einzelleistungen. Wenn wir besser abschneiden, profitieren alle. So ist ein ordentlicher Bonus herausgearbeitet worden – nicht durch Druck, sondern durch Zusammenarbeit. Ein wirksames Projektmanagement ist also kein Bürokratiemonster, sondern ein Ermöglicher.

Bild 4 Das Fabrikgebäude Jumo Sensilo wurde in nur 3,5 Jahren nach dem Ansatz der systemischen Organisationsentwicklung fertiggestellt.

Stefan Reith

Bild 4 Das Fabrikgebäude Jumo Sensilo wurde in nur 3,5 Jahren nach dem Ansatz der systemischen Organisationsentwicklung fertiggestellt.

TGA+E: Das klingt nach einem Kulturwandel im Bauwesen.

Reith: Absolut. Wir haben ausführlich über das „Wie“ gesprochen, bevor wir über das „Was“ gesprochen haben. Wir haben uns als Menschen kennengelernt, nicht nur als Funktionen. Es gab Workshops zur Teamentwicklung, gemeinsame Projektcharta, begleitete Phasenwechsel mit „Onboarding“ neuer Beteiligter. Jeder hatte Teilhabe, Wirksamkeit und Autonomie – das sind die Schlüsselfaktoren für intrinsische Motivation. Das Ergebnis: Ein Projekt, das unter Budget und vor dem Zeitplan fertig wurde (Bild 4).

Bild 5 Der Sprinklertank ist gleichzeitig Energiespeicher.

Jumo

Bild 5 Der Sprinklertank ist gleichzeitig Energiespeicher.

TGA+E: Was war die größte Herausforderung dabei?

Reith: Vertrauen. Ohne klassische Ausschreibung mussten wir Schritt für Schritt beweisen, dass es funktioniert. Auch das Controlling war gefordert – schließlich bewegen wir uns mit 50 Mio. Euro Projektvolumen nicht in einer Komfortzone. Aber durch Transparenz und offene Kommunikation haben wir Vertrauen erarbeitet. Denn: Humaner Erfolg ist die Basis für ökonomischen Erfolg. Menschen, die wollen, liefern Ergebnisse, die kein System erzwingen kann.

TGA+E: Auch in diesem System wird es Probleme und Differenzen unter den Projektbeteiligten geben. Können Sie an einem praktischen Beispiel erläutern, wie diese gehandelt und aufgelöst werden und was dabei den Unterschied ausmacht?

Reith: Zu Beginn der Bauphase wurde bekannt, dass der Sprinklertank l nicht wie geplant ein Volumen von 800m³ benötigt, sondern 1.250m³. Da sich der Sprinklertank im Erdreich unter dem Gebäude befindet, entstanden prognostizierte Mehrkosten von mehreren hunderttausend Euro. Es wurde aber nicht wie üblich ein Change-Request geschrieben, sondern die beteiligten Unternehmen haben gemeinsam nach Lösungen gesucht: Der Architekt hat in Abstimmung mit dem Freianlagenplaner das Gebäude mit dem Ziel der Verringerung der Erdarbeiten angehoben. TGA-Firmen haben ergänzend ihre Platzbedarfe an Baustelleneinrichtung optimiert, was weitere Einsparungen für das Tiefbauunternehmen ermöglichte. Am Ende wurde der größere Sprinklertank ohne Mehrkosten realisiert, da alle Projektbeteiligten eine gemeinsame Lösung für das Problem fanden.

TGA+E: Das Projekt wird mittlerweile wissenschaftlich untersucht. Was sagt die Forschung dazu?

Reith: Professor Frank Unger von der Hochschule Fulda stellt in seiner Studie fest, „dass gelungene Führung im Projektkontext sowohl ziel- und leistungsorientiert als auch menschen- und beziehungsorientiert gestaltet sein muss. Psychologische Sicherheit, Vertrauen und Empowerment sind dabei die Schlüsselgrößen, um Motivation, Engagement und Resilienz zu fördern.“ [1] Das Ergebnis hat mich sehr gefreut und beschreibt ziemlich genau, was wir erlebt haben.

„Motivation entsteht nicht durch Druck, sondern durch Sinn, Zugehörigkeit und Vertrauen. Wenn Menschen verstehen, warum sie etwas tun und welchen Beitrag sie leisten, wächst Leistung über sich hinaus. Leadership bedeutet, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Menschen leisten wollen – nicht müssen.“ Stefan Reith

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TGA+E: Sie halten Vorträge über Ihre Methode – unter anderem beim German Lean Construction Institute [2] und bei den Engineering Days in Peking. Was vermitteln Sie dort?

Reith: Ich zeige, dass Bauen anders geht, wenn man die Menschen ernst nimmt. Wir brauchen in der Branche nicht mehr Tools oder Software – wir brauchen Verständnis, Dialog und die Fähigkeit, gemeinsam zu denken. Ich bin überzeugt: Prozesse und Software können das „Wollen“ nur unterstützen – sie können es nicht ersetzen!

TGA+E: Zum Schluss: Was motiviert Sie persönlich?

Reith: Mich treibt an, wenn Menschen anfangen zu wollen. Ich sehe es gerne, wenn Teams aufblühen, wenn sie merken: Ich darf hier gestalten. Mit meinem Konzept gestalte ich den Rahmen, nicht die Inhalte. Dabei beherzige ich eine Erkenntnis, die ich beim privaten Tuba-Spielen gelernt habe: Führen „von hinten“ und den Ton angeben, ohne im Vordergrund zu stehen. Das gibt jedem Orchestermitglied die Möglichkeit, die eigene Stimme frei zu spielen und dennoch im gemeinsamen Takt zu bleiben.

TGA+E: Vielen Dank für das Gespräch.

Literatur und Links

[1] Unger, Frank: Studienergebnisse zur „Führung und Zusammenarbeit“ im Rahmen eines Neubauprojektes der Kategorie Sonderbau. Fulda: Hochschule Fulda

[2] German Lean Construction Institute – GLCI e.V. www.glci.de

[3] Sensilo-Werk: Die Fabrik der Zukunft. Daten und Hintergründe zum Jumo-Neubau im Technologiepark Fulda-West. Fulda: Jumo, www.jumo.group/de/de/about-us/news/new-plant

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