Der Artikel kompakt zusammengefasst
vetre – stock.adobe.com
- Die volkswirtschaftliche Bedeutung von Hitzewellen ist erheblich. Lässt man die Beschädigung von Gebäuden und Infrastrukturen sowie Auswirkungen auf die Landwirtschaft außen vor, entstehen die Kosten hauptsächlich am Arbeitsplatz durch direkte Produktivitätsverluste, Arbeitsausfallkosten sowie höhere Energiekosten und damit überwiegend innerhalb von Gebäuden.
- Obwohl Hitzewellen in den letzten Jahren nichts Neues sind: Europa ist historisch bedingt auf Kälte ausgelegt und auf Hitze bis heute schlecht vorbereitet. Allianz Trade sieht Deutschland aktuell in einer kritischen Übergangszone: Es ist nicht mehr kühl genug für Vorteile und noch nicht angepasst genug für große Hitze.
Bei Hitzewellen liegt Deutschland zwar „nur“ im europäischen Mittelfeld, dafür aber klar auf der Verliererseite: Erhebliche Einbußen beim Bruttoinlandsprodukt drohen. Hitzeresistenz wird zu einem Wirtschaftsfaktor der Zukunft.
Extreme Hitze entwickelt sich auch zu einer wachsenden Belastung für die deutsche Wirtschaft. Laut einer Analyse des Kreditversicherers Allianz Trade könnten sich die wirtschaftlichen Verluste in Deutschland zwischen 2026 und 2030 auf insgesamt rund 131 Mrd. US-Dollar (USD) summieren, wenn sich die Hitzewellen des vergangenen Jahrzehnts wiederholen [1].
Schon Ende Mai (!) 2026 warnte Milo Bogaerts, CEO von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz: „Teile von Europa ächzen bereits unter der ersten Hitzewelle – und der Sommer kommt erst noch. Extreme Hitze ist längst kein kurzfristiges Wetterphänomen mehr, sondern ein struktureller wirtschaftlicher Schock. Ab Temperaturen über 30 °C schmilzt die Produktivität und Energiekosten steigen – das lähmt industrielle Volkswirtschaften wie Deutschland. Der größte Schaden entsteht aber nicht heute, sondern morgen, denn sinkende Renditeerwartungen bremsen Investitionen – und damit die zukünftige Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Deutschland muss deshalb anfangen, mit Hitze zu planen.“
Hitze wirkt dabei gleichzeitig über zwei Kanäle – beide belasten Unternehmen massiv: Pro K über 30 °C sinkt die Produktivität um etwa 3 %. Gleichzeitig steigen die Energiekosten um etwa 1,2 % pro K durch einen höheren Kühlbedarf.
Auch für den Staat hat die Entwicklung Folgen: Die jährlichen Steuereinnahmen fallen in Deutschland rund 0,7 % niedriger aus, gleichzeitig steigen Ausgaben beispielsweise für Gesundheit, Infrastruktur und soziale Sicherungssysteme. Im Schnitt verschlechtert sich die Haushaltslage hitzebedingt um etwa 0,9 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Jahr. Damit steht Deutschland fiskalisch besser da als Frankreich oder Italien – aber der Spielraum für zusätzliche Belastungen wird enger.
Prognos hat für das Bundesarbeitsministerium (BMAS) berechnet, das ein Tag mit Temperaturen über 30 °C in Deutschland die Volkswirtschaft 431 Mio. Euro kostet und die Folgen extremer Hitze über 35 °C mit dem Fokus Produktivitätsverluste auf 984 Mio. Euro mehr als doppelt so hoch taxiert. Die Kosten der Hitzewelle vom 17. bis 30. Juni 2026 wurden für das Handelsblatt auf 6,3 Mrd. Euro beziffert.
Deutliches Nord-Südgefälle
Im europäischen Vergleich zeigt sich ein deutliches Nord-Südgefälle. Allerdings gehört Deutschland zu den Volkswirtschaften, die bereits in den negativen Bereich kippen. Hazem Krichene, Senior Klimaökonom bei Allianz Research: „Bis 2030 könnte die Wirtschaftsleistung durch Hitzewellen in Deutschland deutlich niedriger ausfallen: Beim BIP sind in den kommenden vier Jahren Einbußen von bis zu 3 % möglich.“
Damit liegt Deutschland im europäischen Mittelfeld. Nordeuropäische Länder wie Irland oder Finnland stehen angesichts einer niedrigeren Ausgangstemperatur besser da als die Bundesrepublik und profitieren kurzfristig noch dank höherer Produktivität, geringeren Energiekosten und stabilen Energie- und Infrastruktursystemen. Allerdings ist Deutschland auch weniger stark betroffen als südeuropäische Staaten.
Historisch bedingt auf Kälte ausgelegt
„Deutschland ist kein Hotspot wie Südeuropa – aber wir überschreiten immer öfter die kritische 30-°C-Schwelle. Ab diesem Punkt drehen sich die ökonomischen Effekte ins Negative“, sagt Krichene. „Insgesamt ist Europa historisch bedingt auf Kälte ausgelegt und auf Hitze bis heute schlecht vorbereitet – obwohl Hitzewellen in den letzten Jahren nichts Neues sind. Hier besteht Nachholbedarf im Vergleich zu anderen Ländern wie beispielsweise die USA, die Länder im Nahen Osten oder in Asien.“
Deutschland befindet sich aktuell in einer kritischen Übergangszone: Es ist nicht mehr kühl genug für Vorteile, aber andererseits noch nicht angepasst genug für große Hitze. Krichene: „Heiße Regionen außerhalb Europas sind strukturell besser an extreme Hitze angepasst – obwohl die Temperaturen dort oft deutlich höher sind als hierzulande. Das liegt vor allem daran, dass Hitze dort seit Jahrzehnten Teil der Planung und die Durchdringung von Klimaanlagen hoch ist. Sie haben sich bereits akklimatisiert, während Europa noch nach Anpassungsstrategien sucht, bei Gebäuden und Infrastruktur, Arbeitszeiten sowie dem Schutz der vulnerablen Bevölkerung.“
Neu gebaut wird ohne Kühlung …
Während in den USA rund 90 % der Haushalte klimatisiert sind, liegt die Quote in Europa bei nur etwa 19 %. Gleichzeitig sind viele europäische Gebäude darauf ausgelegt, Wärme zu speichern statt sie abzuleiten. Und ein Blick in die die deutsche Baustatistik verdeutlicht: Nur ein kleiner und nur langsam steigender Teil neuer Wohngebäude ist mit Anlagen zur Kühlung ausgestattet. 4,3 % der 58.885 im Jahr 2025 fertiggestellten Wohngebäude in Deutschland verfügen über eine Anlage zur Kühlung [2].
Dass sich der Anteil binnen zehn Jahren von einem niedrigen 1,9-%-Niveau nur etwa verdoppelt hat, verdeutlicht die geringe Priorität. Die vom Statistischen Bundesamt (Destatis) erfassten „Anlagen zur Kühlung“ können sowohl „elektrisch“ als auch „thermisch“ betrieben werden. In der Destatis-Taxonomie kann es sich dabei neben klassischen (Split-)Klimaanlagen beispielweise auch um eine Deckenkühlung oder um Fußbodenheizungen mit Kühlfunktion handeln.
…auch bei Bürogebäuden Schulen, Kitas und im Gesundheitswesen
Neue Bürogebäude sind deutlich häufiger als neue Wohngebäude aber noch nicht standardmäßig mit Anlagen zur Kühlung ausgestattet. 37,8 % der 1350 im Jahr 2025 fertiggestellten Büro- und Verwaltungsgebäude verfügten über Anlagen zur Kühlung. Auch in Bürogebäuden ist der Anteil langfristig nur sehr langsam gestiegen: Zehn Jahre zuvor wurden 30,9 % der 1679 neuen Bürogebäude mit einer Anlage zur Kühlung errichtet. Dass ihr Anteil in Bürogebäuden deutlich höher ist als in Wohngebäuden ist, dürfte laut Destatis nicht zuletzt an gesetzlichen Vorgaben liegen – insbesondere mit Blick auf den Arbeitsschutz und die Fürsorgepflicht von Arbeitgebern gegenüber Beschäftigten.
Annähernd so hoch wie in neugebauten Bürogebäuden ist der Anteil von Anlagen zur Kühlung etwa auch in Schulen, Krankenhäusern oder ähnlichen Einrichtungen. Von den 478 im Jahr 2025 fertiggestellten Gebäuden für Bildung, Wissenschaft und Forschung hatten 33,9 % eine Anlage zur Kühlung (2015: 33,3 %). Bei den 259 neu errichteten Gebäuden des Gesundheitswesens waren es 34,4 % (2015: 24,8 %). Bei den 683 neuen Gebäuden des Sozialwesens waren es dagegen nur 14,5 % (2015: 5,7 %). Hierzu zählen unter anderem Kitas und Pflegeeinrichtungen.
Destatis
Hitzeresistenz wird Wirtschaftsfaktor
Extreme Hitze entwickelt sich zu einem entscheidenden Faktor für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Krichene: „Die grüne Transformation und die Anpassung an den Klimawandel sind mittlerweile zentrale Fragen der Wirtschaftspolitik, die weit über den Umweltbereich hinausgehen. Länder, die bei der Infrastruktur sowie beim Schutz von Unternehmen und Arbeitnehmern schneller vorankommen, werden im Vorteil sein. Europa muss Schritt halten.“
Welche Regionen hierzulande schon stark von Hitze betroffen sind und wo die Temperaturen in den vergangenen Jahrzehnten am deutlichsten gestiegen sind, verdeutlicht der Techem Hitzeatlas Deutschland [3] auf Stadt- und Bundesland-Ebene. Grundlage der Auswertung sind Kühlgradtage (CDD, Cooling Degree Days). Sie geben an, wie häufig und intensiv hohe Temperaturen zu Kühlbedarf führen und sind damit ein verlässlicher Indikator für die Hitzebelastung.
Die Analyse zeigt eine klare geografische Konzentration: Viele der heißesten Städte 2025 liegen im Südwesten Deutschlands. Die Top 10 der heißesten Städte und Landkreise 2025 sind 1. Speyer (RP), 2. Heidelberg (BW) 3. Germersheim (RP), 4. Rhein-Pfalz-Kreis (RP), 5. Ludwigshafen am Rhein (RP), 6. Mannheim (BW), 7. Südliche Weinstraße (RP), 8. Frankfurt am Main (HE), 9. Groß-Gerau (HE) und 10. Neustadt an der Weinstraße (RP).
Auch auf Ebene der Bundesländer zeigt sich ein klares Muster: Vor allem der Südwesten Deutschlands wies die höchste Hitzebelastung auf. Das Saarland lag 2025 mit rund 44 Kühlgradtagen an der Spitze, gefolgt von Rheinland-Pfalz (38) und Baden-Württemberg (29). Der bundesweite Durchschnitt lag bei rund 19 Kühlgradtagen.
Während sich die aktuelle Hitzebelastung regional auf den Südwesten konzentriert, zeigt die langfristige Entwicklung, wo die Hitzebelastung in den letzten 45 Jahren besonders stark zugenommen hat. Die Top-10-Städte und -Landkreise mit dem stärksten Anstieg (1980 bis 2025) sind 1. Speyer, 2. Heidelberg, 3. Rhein-Pfalz-Kreis, 4. Germersheim, 5. Mannheim, 6. Ludwigshafen am Rhein, 7. Frankfurt am Main, 8. Karlsruhe, 9. Rhein-Neckar-Kreis und 10. Groß-Gerau.
Techem
Veränderte Anforderungen an Gebäude
Mit steigenden Temperaturen verändern sich auch die Anforderungen an Gebäude grundlegend. Längere Hitzeperioden führen dazu, dass sich Innenräume stärker aufheizen, nachts weniger auskühlen und der thermische Komfort zunehmend unter Druck gerät. „Hitze entwickelt sich zu einer zentralen Herausforderung im Gebäudebetrieb, sagt Matthias Hartmann, CEO der Techem Gruppe. „Entscheidend ist, die Auswirkungen transparent zu machen und Gebäude datenbasiert so zu steuern, dass Komfort und Effizienz auch bei steigenden Temperaturen gewährleistet bleiben.“
Gebäudetechnik kann dazu beitragen, den Umgang mit Hitze deutlich zu verbessern: Wärmepumpen gewinnen an Bedeutung, da sie nicht nur zum Heizen, sondern – je nach System – auch zur Kühlung verwendet werden können. In Kombination mit Smart-Metering-Lösungen wird zudem transparent, wann und wie Energie für die Kühlung eingesetzt wird – eine wichtige Grundlage für einen effizienten Betrieb. Zugleich eröffnen dynamische Stromtarife wirtschaftliche Potenziale: Wer sein Gebäude gezielt dann kühlt, wenn Strompreise niedrig sind, kann Betriebskosten senken und Energie besonders effizient nutzen.
Für Wohnungswirtschaft, Kommunen und Gebäudebetreiber bedeutet das: Hitze muss stärker in Planung, Ausstattung und Betrieb von Gebäuden berücksichtigt werden. Datenbasierte Analysen und intelligente Lösungen werden dabei eine entscheidende Rolle spielen.
Literatur
[1] Too hot to grow. The economic costs of extreme heat. München, Paris La Défense: Allianz Research, 28. Mai 2026
[2] 4,3 % der im Jahr 2025 fertiggestellten Wohngebäude haben eine Anlage zur Kühlung. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt, Zahl der Woche Nr. 27 vom 30. Juni 2026
[3] Hotspots: Wo Hitze zur Herausforderung im Gebäude wird. Stuttgart: Gentner Verlag, TGA+E Fachplaner, nur online, 22. Juni 2026