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Nationaler Anhang zur DIN EN 16798 Teil 1

Empfehlung für höhere Mindestraumluftfeuchte

Bild 1 Eine Raumluftfeuchte von mindestens 40 % schützt und fördert die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit von Menschen.

Condair // alvarez / iStock / gettyimages

Bild 1 Eine Raumluftfeuchte von mindestens 40 % schützt und fördert die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit von Menschen.

Die im März 2022 erschienene Bewertungsnorm DIN EN 16798-1  enthält auch Empfehlungen zu Mindestwerten der Raumluftfeuchte, die besonders im Winter erforderlich sind, um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Personen zu erhalten und zu fördern. Diese Vorgaben können nur durch den Betrieb von Systemen zur geregelten Luftbefeuchtung eingehalten werden.

Als Nachfolgerin von DIN EN 15251 [2] zählt DIN EN 16798-1 [1] und insbesondere der zugehörige Nationale Anhang A zu den wichtigsten technischen Regeln in der Lüftungs- und Klimatechnik. Der normative Teil sowie die vielen Tabellen im genannten Anhang enthalten alle Parameter zur Projektierung und Sicherstellung „eines gewünschten Raumklimas in Räumen, die als Aufenthaltszone für Wohn- oder Arbeitszwecke genutzt werden (Büros, Sitzungsräume, Versammlungsstätten, Restaurants, Wohnräume etc.)“.

Die Festlegungen betreffen Vorgaben zu
● thermischem Raumklima (Raumtemperatur, Raumluftfeuchte)
● Raumluftqualität (Mindestaußenluftvolumenströme, CO2-Grenzwerte in der Raumluft)
● Beleuchtung und
● Raumakustik.

Dazu wurden in der Norm neue Kategorien der Raumqualität IEQ (Indoor Environment Quality) mit den Klassen I (hoch), II (Standard) und III (moderat) eingeführt.

Das bedeutet: Bauherr, Fachplaner und Architekt können sich für ihr Projekt bezüglich des gewünschten Raumklimas stets für eine Raumqualität IEQ I bis IEQ III entscheiden. Aus dieser Festlegung folgen dann zum Beispiel für die Standardqualität IEQ II einzuhaltende Raumtemperaturen von mindestens 20 °C (Winter) bis maximal 26 °C (Sommer) und Außenluftvolumenströme von etwa 50 m3/(h ∙ Pers) bzw. eine maximale CO2-Konzentration von etwa 1000 ppm in der Raumluft.

Bedeutung des Nationalen Anhangs

Allerdings sind die in vielen Tabellen in DIN EN 16798-1 aufgeführten Werte zu den IEQ-Raumparametern lediglich Empfehlungen („Anhang B [informativ] Standardkriterien für die Innenraumqualität“), die von den Mitgliedstaaten zu prüfen sind. Aus diesen Prüfungen folgt dann – mit Übernahme oder gegebenenfalls mit Änderungen der empfohlenen Werte aus der Norm – ein Nationaler Anhang, für Deutschland: „Anhang A (normativ) Alle national empfohlenen Kriterien für die Innenraumqualität“.

Dieser normative Anhang wurde vom DIN NHRS (Normenausschuss Heiz- und Raumlufttechnik) erarbeitet. Bei den nun in Deutschland anzuwendenden Werten für die Raumparameter ist der DIN NHRS bei den Festlegungen zu den besonders im Winter wichtigen Mindestraumluftfeuchten den wissenschaftlichen Erkenntnissen und daraus folgenden Empfehlungen von Fachleuten gefolgt und hat im Nationalen Anhang A die geringen Werte der EN-Norm deutlich angehoben.

Normen vernachlässigen Mindestfeuchte

Dass eine Raumluftfeuchte von mindestens 40 % die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit von Menschen schützt und fördert, wurde mittlerweile in zig weltweit durchgeführten medizinischen Untersuchungen und Studien nachgewiesen [3]. Allerdings werden diese Erkenntnisse bisher in technischen Regeln sträflich vernachlässigt oder gar negiert.

Nahezu gleichlautend behandeln Normen und Richtlinien einen möglichen Raum-Schwülezustand im Sommer und fordern dazu eine klare Obergrenze von maximal 65 % relativer Raumluftfeuchte bzw. eine absolute Feuchte von maximal 12 g/kg.

Bild 2 Das blaue Feld zeigt einen Vorschlag für neue Grenzwerte im Behaglichkeitsdiagramm. Die Raumtemperatur reicht nun von 19 bis 26 °C (DIN EN 16798-1), die Raumluftfeuchte von 40 % (Minimum) bis 65 % (Maximum).

Condair

Bild 2 Das blaue Feld zeigt einen Vorschlag für neue Grenzwerte im Behaglichkeitsdiagramm. Die Raumtemperatur reicht nun von 19 bis 26 °C (DIN EN 16798-1), die Raumluftfeuchte von 40 % (Minimum) bis 65 % (Maximum).

Demgegenüber findet man bisher in technischen Regeln bezüglich der Mindestraumluftfeuchte lediglich relativierende Aussagen, etwa „Bei Gebäuden, die keinen anderen Anforderungen als denen der menschlichen Nutzung unterliegen (z. B. Büros, Schulen und Wohngebäude), ist eine Be- oder Entfeuchtung gewöhnlich nicht erforderlich …“ oder „eine Be- und Entfeuchtung ist üblicherweise nur in besonderen Gebäuden, wie z. B. in Museen und einigen Gesundheitseinrichtungen, erforderlich“.

Zwar wird meist ergänzend erläutert, dass „bei Werten unter 30 % relativer Raumluftfeuchte gesundheitliche Beeinträchtigungen (z. B. trockene Schleimhäute) und störende, statische Aufladungen auftreten können“, aber normative Konsequenzen aus diesen bekannten Mängeln wurden bisher nicht gezogen.

Nur die derzeit in Überarbeitung befindliche Richtlinie VDI 3804 „Raumlufttechnik – Bürogebäude“ enthält eine deutlichere Empfehlung: „Es wird empfohlen, als Untergrenze die Kategorie 1 der DIN EN 15251 (neu: DIN EN 16798-1) mit 30 % r.F. anzustreben. Hierzu ist in der Regel eine Befeuchtungseinrichtung erforderlich. Feuchten < 30 % r.F. können zu Reizungen der Augen und der Luftwege führen und damit Infektionskrankheiten begünstigen. Ferner können Probleme mit erhöhter statischer Aufladung entstehen. Bei tiefen Außentemperaturen ist eine Unterschreitung einer Raumluftfeuchte von 30 % zu erwarten.“

Das neue Behaglichkeitsdiagramm

Das in der Klimatechnik seit vielen Jahren etablierte Diagramm mit Vorgaben zu behaglichen und gesunden Raumluftfeuchten spiegelt die Forderungen nach einer Mindestraumluftfeuchte von etwa 35 - 40 % in Abhängigkeit von der Raumtemperatur im Feld „behaglich“ durchaus wider. Doch diese Werte finden in der Normung und auch in der täglichen Praxis der Lüftungs- und Klimatechnik bislang noch zu wenig Beachtung und sollten konsequenter umgesetzt werden.

Einen positiven Schritt in diese Richtung geht die von vielen Unternehmen unterstützte Kampagne „Mindestfeuchte 40 %“ des Fachverbands Gebäude-Klima (FGK, www.mindestfeuchte40.de) mit vielen weiteren Informationen. In Anlehnung an diese Kampagne wurde vom Verfasser das bisherige Behaglichkeitsdiagramm im Hinblick auf die Mindestfeuchte 40 % leicht modifiziert (Bild 2).

Mindestfeuchten spürbar nach oben korrigiert

Leider enthalten auch die Neufassung von DIN EN 16798-1 und der zugehörige Nationale Anhang A weiterhin die Aussage, dass „bei Gebäuden, die keinen anderen Anforderungen als denen der menschlichen Nutzung unterliegen …, eine Be- oder Entfeuchtung gewöhnlich nicht erforderlich ist“. Als Ausnahmen werden zum Beispiel Museen, Gesundheitseinrichtungen und die Papierindustrie genannt.

Bild 3 Empfohlene relative Raumluftfeuchten für Winter (erster Wert) und Sommer (zweiter Wert) für die IEQ-Kategorien. Bei den IEQ-Klassen I und II wurden die Werte der Mindestluftfeuchte im nationalen Anhang A gegenüber den Standardkriterien in (DIN) EN 16798-1 deutlich angehoben.

Condair / Quelle: DIN EN 16798-1:2022-03

Bild 3 Empfohlene relative Raumluftfeuchten für Winter (erster Wert) und Sommer (zweiter Wert) für die IEQ-Kategorien. Bei den IEQ-Klassen I und II wurden die Werte der Mindestluftfeuchte im nationalen Anhang A gegenüber den Standardkriterien in (DIN) EN 16798-1 deutlich angehoben.

Für den Einsatz und zur Auslegung von Be- oder Entfeuchtungseinrichtungen werden die in Tabelle 10 im Nationalen Anhang A angegebenen Auslegungswerte empfohlen. Hierbei wurde im Vergleich zu den Standardkriterien (Anhang B) ein wichtiger Schritt vollzogen und die Werte für die Mindestfeuchten wurden spürbar nach oben korrigiert (siehe Bild 3). Der Zusatz im Titel der Tabelle, „wenn Be- oder Entfeuchtungsanlagen eingebaut sind“, spiegelt wider, dass ohne deren Einsatz diese wichtigen Mindestparameter in den Kategorien IEQ I und IEQ II nicht eingehalten werden können.

Konsequenzen aus Anhang A für die Planung von Lüftungs- oder Klimaanlagen

Aus dem Tabellentitel „wenn Be- oder Entfeuchtungsanlagen eingebaut sind“ folgt, dass die Minimal- und Maximalwerte nur dann eingehalten werden können, wenn in der Lüftungs- oder Klimaanlage tatsächlich Systeme zur Be- und Entfeuchtung installiert sind. Grundsätzlich sind aber alle Parameter der IEQ, und dazu gehört auch die Raumluftfeuchtigkeit, im Rahmen des Planungsprozesses festzulegen und zu dokumentieren. Eine entsprechende Diskussion und Aufklärung der Kunden und Nutzer ist also erforderlich.

Bild 4 Wenn in Lüftungs- und Klimaanlagen die Empfehlungen aus dem Nationalen Anhang A in DIN EN 16798-1 zur Raumluftfeuchte eingehalten werden sollen, folgt daraus fast zwangsläufig der Einsatz einer geregelten Luftbefeuchtung.

Condair

Bild 4 Wenn in Lüftungs- und Klimaanlagen die Empfehlungen aus dem Nationalen Anhang A in DIN EN 16798-1 zur Raumluftfeuchte eingehalten werden sollen, folgt daraus fast zwangsläufig der Einsatz einer geregelten Luftbefeuchtung.

Wie wichtig die Luftbefeuchtung ist, erläutert ein einfaches Beispiel: Es wird angenommen, dass an einem Wintertag die Außenluft eine Temperatur von − 5 °C und eine relative Feuchte von 80 % hat (absolute Feuchte etwa 2 g/kg). Diese Außenluft wird in einem RLT-Gerät auf die gewünschte Zulufttemperatur erwärmt. Dabei bleibt die absolute Feuchte konstant, aber die relative Feuchte der Zuluft sinkt, je nach Einblastemperatur der Zuluft, bis unter 10 % r.F.

Selbst wenn man berücksichtigt, dass durch die Feuchteabgabe der Personen im Raum die absolute Feuchte beispielsweise um 1,5 g/kg ansteigt, ergibt sich damit bei einer tatsächlichen Raumlufttemperatur von 23 °C eine Raumluftfeuchte von nur 20 %. Somit können ohne eine geregelte Befeuchtung der Außenluft im RLT-Gerät selbst die qualitativ geringsten empfohlenen Werte der DIN EN 16798-1 von 20 % r.F. im Raum kaum bzw. nur gerade noch eingehalten werden.

Das Erreichen von IEQ II (Standardfall mit 30 % relativer Luftfeuchtigkeit) oder des besseren Wertes IEQ I (40 % r.F.) ist ohne Luftbefeuchtung jedoch ausgeschlossen.

Leider wurde mit der Erarbeitung des Nationalen Anhangs A in DIN EN 16798-1 erneut eine Chance verpasst, eine Mindestraumluftfeuchte normativ festzuschreiben. Damit stehen insbesondere die Planer im Rahmen ihrer Beratungspflichten und der Bedarfsplanung in der Verantwortung. ■

Dieser Artikel erschien zuerst in der Heftausgabe TGA Fachplaner 09-2020 unter dem Titel „Empfehlung für höhere Mindestraumluftfeuchte“ von Christian Bremer.

Kompakt zusammengefasst
● DIN EN 16798-1 legt über den Nationalen Anhang A alle Parameter zur Planung und Sicherstellung eines „gewünschten Raumklimas in Räumen, die als Aufenthaltszone für Wohn- oder Arbeitszwecke genutzt werden“, fest.
● Die Norm definiert drei Kategorien der Raumqualität IEQ (Indoor Environment Quality), für die sich Bauherr, Fachplaner und Architekt entscheiden müssen. Dabei sind auch die einzelnen Parameter, inklusive Grenzwerte der Raumluftfeuchte, zu vereinbaren.
● Werte für die Mindestfeuchte sind zwar nur festgelegt, „wenn Be- oder Entfeuchtungsanlagen eingebaut sind“, jedoch sind die Kategorien der Raumqualität II und I aus Nutzersicht (Gesundheit, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit) im Winter nur mit einer Luftbefeuchtung zu erreichen.

Literatur

[1] DIN EN 16798-1 Energetische Bewertung von Gebäuden – Lüftung von Gebäuden – Teil 1: Eingangsparameter für das Innenraumklima zur Auslegung und Bewertung der Energieeffizienz von Gebäuden bezüglich Raumluftqualität, Temperatur, Licht und Akustik – Modul M1-6; Deutsche Fassung EN 16798-1:2019. Berlin: Beuth Verlag, März 2022

[2] DIN EN 15251 (zurückgezogen) Eingangsparameter für das Raumklima zur Auslegung und Bewertung der Energieeffizienz von Gebäuden – Raumluftqualität, Temperatur, Licht und Akustik; Deutsche Fassung EN 15251:2007. Berlin: Beuth Verlag, Dezember 2012

[3] Weitere Informationen zum Thema, zum Beispiel im Beitrag zum „Risikograph Raumluftfeuchte“ und in der Broschüre „Luftfeuchte am Arbeitsplatz – Voraussetzung für Behaglichkeit und Gesundheit“ finden sich in der Rubrik Fachwissen auf www.condair.de

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