Der Artikel kompakt zusammengefasst
- Das Pilotprojekt OctoFlexBW hat erfolgreich alle End-to-End-Prozesse für die Erbringung von Redispatch aus Elektrofahrzeugen erprobt.
- Dabei wurde die Flexibilität aus über 700 Elektrofahrzeugen aus Privathaushalten zur Stabilisierung der Stromnetze eingesetzt und eine ergänzende marktliche Lösung für das Netzengpassmanagement demonstriert.
- Auch Wärmepumpen, Heimspeicher und Klimatechnik können künftig einen signifikanten Beitrag zum Netzengpassmanagement leisten.
Matt Fowler / Octopus Energy
Das zusätzliche Potenzial stehender Elektrofahrzeuge für die Energiewende und das Stromsystem werden oft zitiert. Um die Theorie in die praktische Nutzung zu überführen, haben TransnetBW und Octopus Energy die Erbringung von Redispatch mit Niederspannungsflexibilität erfolgreich im Feld getestet.
Im Rahmen von OctoFlexBW haben die Projektpartner TransnetBW und Octopus Energy alle digitalen und energiewirtschaftlich konformen Prozesse aufgebaut, um das Flexibilitätspotenzial von über 700 Elektrofahrzeugen für die Erbringung von Redispatch zu heben.
„Mit der Integration der Elektrofahrzeuge aus Privathaushalten konnten wir zeigen, dass die von uns verfolgte marktliche Lösung für das Netzengpassmanagement einwandfrei funktioniert und für den Markthochlauf bereit ist. Nun gilt es, das bestehende kostenbasierte Redispatch-Regime auf Basis der Erkenntnisse aus dem OctoFlexBW-Projekt um eine marktbasierte Komponente, also ‚Redispatch 3.0‘, für dezentrale Flexibilität zu erweitern“, zeigt sich Dr. Oliver Strangfeld, Mitglied der Geschäftsführung von TransnetBW, von den Ergebnissen beeindruckt.
Das Eh-da-Potenzial steigt …
Die Elektrifizierung des Straßenverkehrs hat im Jahr 2025 wieder an Dynamik gewonnen. So stiegen die Zulassungszahlen für Elektrofahrzeuge im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 43,2 %. Ihr Anteil am Gesamtzulassungsvolumen lag im Jahr 2025 knapp über 19 %. Damit steigt auch das „Eh-da-Potenzial“ dezentraler Flexibilität aus Elektrofahrzeugen.
Mit einer Flotte von 700 Elektrofahrzeugen konnte das Projekt bereits eine tägliche Abrufmenge von 2 MWh (knapp 3 kWh pro Fahrzeug, das entspricht überschlägig einer Reichweitendifferenz je nach Außentemperatur von etwa 13 bis 22 km) realisieren. Hochgerechnet auf 1 Mio. Elektrofahrzeuge entspräche dies einer Kapazität von 3 GWh pro Tag. Die Auswertung zeigt: Bereits 1 Mio. Elektrofahrzeuge können durch intelligente Steuerung jährlich bis zu 0,5 TWh Energie für das Stromnetz bereitstellen und damit 3 bis 5 % des gesamten jährlichen Redispatch-Bedarfs in Deutschland kostengünstig decken.
… auch in den Gebäuden
Octopus Energy
Auch weitere dezentrale Flexibilitätspotenziale, wie beispielsweise aus Wärmepumpen, Heimspeichern und Klimatechnik, können in Zukunft einen signifikanten Beitrag zum Netzengpassmanagement leisten. Nun gelte es, dieses Potenzial netzdienlich zu nutzen, um perspektivisch die Redispatch-Kosten zu senken und gleichzeitig Treibhausgasemissionen zu vermeiden, da weniger fossile Kraftwerke hochgefahren werden müssen.
Bastian Gierull, deutscher CEO von Octopus Energy: „Verbraucher sind heute schon der größte Treiber der Elektrifizierung in Deutschland. Jetzt haben wir die Wahl: Entweder bezahlen die Verbraucher den teuren Redispatch. Oder sie stellen ihre Flexibilität zur Verfügung und lassen sich bezahlen. Wenn wir Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen und Speicher intelligent einbinden, entlasten wir nicht nur das System, sondern schaffen einen echten finanziellen Anreiz für die Menschen. Mit OctoFlexBW haben wir gezeigt, dass das keine Zukunftsmusik ist. Wir können solche Lösungen hier und heute implementieren. Alles, was wir dafür brauchen, ist eine freie Bahn in der Regulatorik und ein Smart Meter in jedem Haushalt.“
Durchweg positive Rückmeldungen der Teilnehmer
Die Rückmeldungen der teilnehmenden E-Mobilisten aus privaten Haushalten sind nach Auskunft der Projektpartner durchweg positiv. Es zeigte sich, dass die meisten Kunden die netzdienliche Steuerung gar nicht bemerkt haben. Sie konnten jederzeit angeben, wann ihr Elektrofahrzeug wieder geladen sein sollte und mussten keine Komforteinbußen hinnehmen.
Ganz im Gegenteil, mit dem Tarif „Intelligent Octopus“ profitierten sie von deutlich günstigeren Ladepreisen. Die Kombination aus günstigem Laden und Unterstützung des heimischen Stromnetzes stieß auch bei E-Mobilisten, die Octopus Energy bisher noch nicht kannten, auf großes Interesse. Viele erkundigten sich proaktiv und wechselten während der Projektphase auf den Tarif – ein klares Signal für das hohe Interesse an solchen Flex-Angeboten.
So lief das Projekt OctoFlexBW ab
Octopus Energy plant die Ladevorgänge seiner Kunden so, dass die Batterie am Morgen ausreichend geladen ist und der Ladevorgang möglichst günstig erfolgt. Zusätzlich wurde das Verschiebepotenzial mithilfe der IT-Plattform KrakenFlex ermittelt. Diese sendet die aggregierten Informationen an die TransnetBW-Plattform DA/RE („DAtenaustausch/REdispatch“). Bei einer prognostizierten Netzüberlastung stellte die Systemführung von TransnetBW über DA/RE ein entsprechendes Abrufsignal zur Verfügung. KrakenFlex übersetzte dieses Signal in eine angepasste Ladestrategie und nutzte es zur Koordination der angeschlossenen Elektrofahrzeuge.
TransnetBW
Die verbindlich von Octopus Energy abgerufenen Kapazitäten bzw. Lastverschiebungen dienten somit der Netzstabilität, während die Kunden von günstigeren Stromkosten für das Laden ihres Elektrofahrzeugs profitierten. Die Umsetzung der komplexen Prozesskette, die von der Wallbox in der heimischen Garage bis in die Systemführung von TransnetBW reicht, wurde durch die Kopplung der beiden IT-Plattformen DA/RE und KrakenFlex ermöglicht.
Im Rahmen von OctoFlexBW wurden alle End-to-End-Prozesse vollständig aufgebaut, getestet, integriert und automatisiert. Auch die Bilanzierung wurde erfolgreich getestet. Die Steuerung der Ladevorgänge funktionierte zuverlässig und alle Fahrzeuge stellten im Bedarfsfall die angeforderte Flexibilität bereit.
Die Zusammenarbeit wird nun im Forschungsprojekt „DataFleX“ fortgesetzt. Dabei werden über 1000 Elektrofahrzeuge zur Bereitstellung von Flexibilität angeschlossen und in die Bilanzierung einbezogen. Auch Heimspeicher werden in das Projekt integriert.
Aus Sicht der Projektpartner ist nun ein regulatorischer Rahmen für die Anerkennung der Abrufkosten für Übertragungsnetzbetreiber erforderlich, um das Potenzial haushaltsnaher Flexibilitäten für das Gesamtsystem zu heben und damit perspektivisch die Netzentgelte zu senken. www.transnetbw.de www.octopusenergy.de
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