Ein Buch räumt mit verbreiteten Mythen zur CO2-Bepreisung auf – von angeblich fehlender Lenkungswirkung bis zur Frage der sozialen Gerechtigkeit – und zeigt, warum sie als zentrales Instrument der Klimapolitik unverzichtbar bleibt. Die Publikation richtet sich an Profis und Laien, die sich mit dem Thema fundiert auseinandersetzen möchten.
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Fossile Brennstoffe sukzessive zu verteuern, gilt als wegweisend für wirksame Klimapolitik – und ist doch Gegenstand erbitterter Kontroversen. In einem neuen Buch erklären Fachleute des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) dieses Konzept und korrigieren Fehlwahrnehmungen.
Brücken bauen für den Klimaschutz
„Wir wollen damit Brücken zwischen den Lagern bauen“, sagt PIK-Direktor Ottmar Edenhofer, der das Buch gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin Cecilia Kilimann und dem Ökonomen Christopher Leisinger aus seinem wissenschaftlichen Stab verfasst hat. „Wir greifen die Einwände derer auf, die zwar wie wir eine starke Klimapolitik wollen, aber CO2-Bepreisung mit blinder Marktgläubigkeit und Verzicht auf staatliche Regulierung gleichsetzen. Der Befund der Klimaökonomie lautet: Dies ist ein Missverständnis. Damit die Bepreisung effizient und ohne Kollateralschäden den CO2-Ausstoß mindert, braucht es umfassende staatliche Kapazitäten und flankierende Maßnahmen.“
Die Publikation präsentiert in leicht verständlicher Form neueste, in renommierten Fachzeitschriften veröffentlichte Forschungsergebnisse, darunter etliche vielbeachtete Beiträge des PIK und des Anfang 2025 ins PIK überführten Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC). Im Ergebnis korrigiert das Buch fünf populäre Irrtümer zur CO2-Bepreisung als Leitinstrument der Klimapolitik.
5 Irrtümer rund um die CO2-Bepreisung
Irrtum 1: Keine Lenkungswirkung
Der Sprit wird immer teurer, trotzdem fahren die Leute nicht weniger Auto – solche Beobachtungen lassen viele Menschen am CO2-Preis zweifeln. Doch das Forschungsteam ordnet das ein: Es ist vielmehr ein Grund für ergänzende Maßnahmen wie Verbote, Standards und Subventionen, die aber vor allem in Kombination mit CO2-Preisen helfen. Es wird wissenschaftlich einfach erklärt, wie das Einpreisen von Umweltschäden „dreckige“ Produkte, zum Beispiel Kohlekraftwerke, aus dem Markt drängt und „saubere“ Produkte fördert. Die Analyse nimmt auch die Antriebskräfte des Individuums in den Blick: Bei kluger Ausgestaltung passt die Marktsteuerung auch gut zu ethisch motiviertem Klimaschutz.
Irrtum 2: Politisch nicht umsetzbar
Zahlen im Buch zeugen vom Gegenteil. Weltweit sind mittlerweile immerhin 28 % aller CO2-Emissionen direkt bepreist – und in der EU werden es übernächstes Jahr, wenn für Verkehr und Gebäude ein zweites Emissionshandelssystem startet, sogar 75 %. Immer mehr Staaten, auch große Schwellenländer, setzen auf dieses Instrument. Sein Erfolg beruht auf der Flexibilität. Es kann als Steuer, Emissionshandel oder Hybridsystem ausgestaltet und so an politische Anforderungen angepasst werden.
Irrtum 3: Sozial ungerecht
In der Tat, so zitiert das Forschungsteam empirische Befunde, kann eine CO2-Bepreisung ohne sozialen Ausgleich ärmere Haushalte überproportional belasten. Aber: Das gilt auch für Klimaschutz zum Beispiel über Standards oder Verbote – und der CO2-Preis hat demgegenüber den Vorteil, dass er Einnahmen zum Gegensteuern generiert. Vier Varianten der Kompensation werden vorgestellt: die Pro-Kopf-Pauschale, ein innovatives „Gebäudeklimageld“, Absenkung der Stromkosten und Härtefall-Ausgleich.
Irrtum 4: Auslaufmodell
Mit viel Aufwand eine Bepreisung aufbauen, obwohl es in der angestrebten klimaneutralen Welt kaum noch etwas zu bepreisen gibt? Diesem Einwand hält das Buch einen Sonderteil zu CO2-Entnahmen aus der Atmosphäre entgegen. Sie sind nötig, um trotz schwer vermeidbarer Restemissionen das Netto-Null-Ziel zu ermöglichen und später sogar durch Netto-Negativ-Emissionen das Überschreiten des 1,5-Grad-Limits bei der Erderwärmung auszugleichen. Die CO2-Bepreisung kann noch viele Jahrzehnte helfen, bei den verbleibenden Emissionen und den Entnahmen Angebot und Nachfrage miteinander zu verbinden und so ein Finanzierungssystem zu schaffen und Investitionsanreize zu setzen.
Irrtum 5: Nur mit Weltregierung möglich
Ist der CO2-Preis nur sinnvoll, wenn alle mitziehen? Das Lesepublikum erfährt, warum ein global einheitlicher Preis gar kein sinnvolles Ziel wäre – und wie die Bepreisung auch lückenhaft und regional fragmentiert dem Klima helfen kann. Ausführlich geht es in diesem Zusammenhang auch um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und ihrer Arbeitsplätze. Das Forschungsteam stellt wirkungsvolle Mechanismen vor, die das sogenannte Carbon Leakage infolge von Verlagerung von Produktion vermeiden können. Diese Mechanismen taugen sogar als Motor für künftig verstärkte internationale Kooperation.
„Das Anfang 2026 scharf gestellte Klimazoll-System der EU führt dazu, dass CO2-Bepreisung international weiter an Bedeutung gewinnt“, berichtet PIK-Direktor Edenhofer. „Diese wird in Zeiten zunehmender geopolitischer Spannungen auch sicherheitspolitisch relevant, weil sie im Ergebnis die Öl- und Gas-Einnahmen autoritär regierter Staaten wie Russland mindert. Die Karriere der CO2-Bepreisung hat gerade erst begonnen. Warum das gut ist, steht in diesem Buch.“
Literaturhinweis:
Edenhofer, O., Kilimann, C., Leisinger, C., (2026): CO2 hat seinen Preis. Warum eine wirksame Klimapolitik die CO2-Bepreisung braucht.
Springer Gabler. [DOI: 10.1007/978-3-658-50400-7, ISBN 978-3-658-50399-4 (Print) / 978-3-658-50400-7 (eBook)]
Die Publikation ist bei Springer Gabler gedruckt zu kaufen sowie kostenlos als PDF und E-Book abrufbar.
Quelle: PIK Potsdam / ml
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