Kaum jemand kennt „seinen“ tatsächlich bezahlten Strompreis (wofür die Hürden auch hoch sind). Dennoch oder gerade deshalb fungiert er oft als Gradmesser und Argument für vielerlei. Das Problem: Ein routinemäßig für Politikaussagen durchgeführter und hier mit aktuelleren Daten aktualisierter Faktencheck zeigt, dass man prinzipiell jeden Preis behaupten kann.
„Deutsche Haushalte zahlen bis zu 37 Cent pro Kilowattstunde – gut neun Cent über dem EU-Durchschnitt“, schreibt Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche in einem breit diskutieren Standpunkt mit dem Titel „Schluss mit der Selbsttäuschung in der Energiepolitik“ in der FAZ am 7. April 2026.
Vorweggenommen: Die Aussage ist durch „bis zu“ und ohne die Angabe eine Entnahmemenge nicht grundsätzlich falsch. Aufgrund der üblichen Tarifstrukturen mit Grundpreisen könnte man auch einen Strompreis von 99 Ct/kWh und mehr bei sehr kleiner Netzentnahme belegen. Dass der Strompreis an einem konkreten Netzanschlusspunkt auch von der gelieferten Menge abhängt, wird selbst von Fachleuten kaum beachtet und es ist auch allgemein wenig bekannt. Auch ein Bezugsdatum ist wichtig – beim Reiche-Standpunkt darf wegen der Relevanz von einer aktuellen Momentaufnahme ausgegangen werden.
Strompreis benötigt einen Bezugswert
Jedenfalls ist für eine belastbare Angabe oder Analyse der Strompreise die Netzentnahme als Bezugswert ein Muss. Im Reiche-Standpunkt existiert dafür nur die Einordnung „Haushalte“.
Der Gesetzgeber hat auf Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums zum Jahreswechsel 2025/26 einen Referenzverbrauch von 3500 kWh/a für einen Einfamilienhaus-Haushalt vorgegeben, mit dem die Verteilnetzbetreiber die Auswirkungen des Zuschusses aus dem Bundeshaushalt für das Übertragungsnetzentgelt fiktiv ohne den Zuschuss ermitteln mussten. Zusätzlich wird nachfolgend eine Netzentnahme von 2000 kWh/a für eine gering belegte Wohnung verwendet.
JV
Top-3-Angebotsmittelpreis für 22 Postleitzahlen
Welcher Strompreis zurzeit in bestehenden Lieferverträgen gezahlt wird, kann hier nicht beleuchtet werden. Zu welchem Preis Strom am Markt für Haushaltskunden angeboten wird zu ermitteln, ist allerdings nur eine Fleißarbeit. Nachstehend erfolgt dies für Tarifangebote ohne die Berücksichtigung von Boni für die 20 nach Einwohnern größten Städte in Deutschland sowie für Oldenburg und Regen als zwei Verteilnetzgebiete mit vielen EE-Einspeiseanlagen. Die Auswertung gilt für gut 16 Mio. Einwohner. Der Preis ist der Mittelwert der 3 jeweils günstigsten Angebote („Top-3-Angebotsmittelpreis“).
Es zeigt sich, dass für alle 22 Postleitzahlen am 25. April 2026 bei einer Netzentnahme von 3500 kWh mehrere Tarifangebote unter 37 Ct/kWh existieren. Selbst in Essen (Top-3-Angebotspreis 35,6 Ct/kWh) gibt es 14 Anbieter, die Tarife unter 37 Ct/kWh offerieren. Bei der kleineren Netzentnahme von 2000 kWh gibt es für 19 der 22 Postleitzahlen Tarifangebote unter 37 Ct/kWh.
Mehrpreise in der Grundversorgung streuen weit
Zumeist am teuersten ist der Strombezug über die Grundversorgung. Die Aufschläge für 3500 kWh/h liegen bei den 22 Postleitzahlen zwischen 4,0 und 11,5 Ct/kWh über dem ermittelten Top-3-Angebotsmittelpreis. Offensichtlich kalkulieren am unteren Ende in ihrer Rolle als Grundversorger swb Vertrieb Bremen, die Stadtwerke Düsseldorf, SWM Versorgung (München) erheblich anders als zum Beispiel Vattenfall Europe Sales (Berlin und Hamburg), die Stadtwerke Duisburg, Dortmunder Energie und Wasserversorgung sowie E.on Energie Deutschland (Essen und Regen) am oberen Ende.
Für die 22 Postleitzahlen ergibt sich als Top-3-Angebotsmittelpreis am 25. April 2026 ein arithmetischer Mittelwert von 31,6 Ct/kWh und ein nach Einwohnern gewichteter Mittelwert von 32,5 Ct/kWh.
Zusätzliche Erläuterungen
Die Sortierung der Orte erfolgte auf Basis der 3500-kWh-Top-3-Angebotsmittelpreise. Der unterschiedliche Abstand der darüber liegenden 2500-kWh-Top-3-Angebotsmittelpreise resultiert fast ausschließlich aus dem unterschiedlichen Netzentgelt-Grundpreis. In Düsseldorf ist er im Standardlastprofil mit 12 Euro/a (netto) besonders niedrig und in Köln mit 150 Euro/a besonders hoch.
Die Verwendung eines Top-3-Angebotsmittelpreises bedeutet (fast automatisch), dass das günstige Angebot niedriger ist. Die Differenz zwischen dem günstigsten Angebot und dem Top-1-Angebot ist jedoch mit 4 bis 15 Euro/a bzw. maximal 0,42 Ct/kWh sehr gering. Die Angebotspreise wurden auf Verivox ermittelt und dabei die Auswahl auf einen Tarif pro Anbieter eingeschränkt.
Exkurs: Häufig wird die BDEW-Strompreisanalyse zitiert oder es werden sogar mit ihren Daten Berechnungen angestellt. Die BDEW-Strompreisanalyse ist richtig eingeordnet eine wertvolle Zeitreihe. Nur leider scheint kaum jemand zu lesen, was die Zeitreiher dazu vermelden: „Der Preisdurchschnitt enthält Tarifprodukte und Grundversorgungstarife, welche zum Berechnungszeitpunkt abschließbar waren. Diese werden mit der Vertragsstruktur gemäß Angabe der Bundesnetzagentur gewichtet (2024: 78 % Tarifprodukte, 22 % Grundversorgungstarife). Zudem erfolgt eine Durchschnittsberechnung der Strompreise auf Gemeindeebene mit anschließender Gewichtung anhand der Anzahl der Einwohner. Der ermittelte Preis bildet nicht den Preisdurchschnitt der bestehenden Vertragsverhältnisse bzw. Absatzmengen ab, d. h. es erfolgt auch keine Mengengewichtung. Der Grundpreis ist im Preis in Ct/kWh für einen Jahresverbrauch von 3500 kWh anteilig enthalten. Sondertarife wie spezielle Ökostromtarife mit Aufschlag, Heizstromtarife, Wärmepumpentarife, Koppeltarife mit anderen Produkten (z. B. Gas, Telekommunikation) o.ä. sind nicht berücksichtigt.“
Die BDEW-Strompreisanalyse ist also ein Mittelwert der zu einem Stichtag abschließbaren Tarife. Er berücksichtigt auch sehr teuer angebotene Stromlieferungen jedoch nicht die tatsächlich gezahlten Strompreise.
Laut dem „Monitoringbericht 2025 von Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt“ lag die Anzahl der Stromanbieterwechsel im Jahr 2024 bei 7,1 Mio. (Wechselquote 14 %). Aber: Insgesamt haben die Grundversorger 2024 nach wie vor rund 60 % der Haushaltskunden-Entnahmemenge geliefert (im Rahmen der Grundversorgung oder eines Vertrags außerhalb der Grundversorgung). Der mengenbezogene Anteil der Haushaltskunden in der Grundversorgung belief sich auf rund 22 %. Solche Lieferstrukturen führen in offiziellen Statistiken zwangsläufig zu Preisen über den günstigsten Angeboten. ■
Quelle: Tarifdaten: Verivox (normaler Endkundenzugang); Preisblätter der Verteilnetzbetreiber; BDEW / jv
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