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Ausmultipliziert

60 Milliarden Euro bis 2035 für neue Gas-Heizungen?

„Damit das Gas-Verteil­netz­ent­gelt nicht bis zum Do­mi­no­effekt steigt, müss­ten in den nächs­ten 10 Jahren bis zu 7 Mio. Gas-Heiz­kessel er­neuert wer­den und an­schlie­ßend in der Hei­zungs­an­la­ge auch der haupt­säch­li­ch ge­nutzte Wär­me­er­zeu­ger sein. Das ist we­nig re­a­lis­tisch.“

GV

Verständlicherweise wollen die Gas-Netzbetreiber ihre Infrastruktur nicht aufgeben. Für das Verteilnetz werfen sie regelmäßig einen Wiederbeschaffungswert von rund 270 Mrd. Euro in den Ring, obwohl diese Bewertung bei einem über Jahrzehnte gewachsenen System wenig sachgerecht ist. Für einen Weiterbetrieb mit steigender Einspeisung von Biomethan und Wasserstoff sind hingegen noch erhebliche neue Investitionen in die Erdgasinfrastruktur erforderlich.

Damit die Verteilnetzentgelte aufgrund einer Kunden- und Mengenerosion nicht bis zu einem Dominoeffekt steigen, müssten in den nächsten zehn Jahren möglichst viele der Besitzer von über 5 bis 7 Mio. abgängigen Gas-Heizkesseln von einer 1:1-Erneuerung und einer anschließenden hauptsächlichen Nutzung von Gas für ihren Wärmebedarf überzeugt werden.

Dann könnte man tatsächlich von einer Wiederbeschaffung sprechen, sie würde bei mittleren Modernisierungskosten schon bei einem geringen Niveau von 8600 Euro pro Austausch für 5 bis 7 Mio. Gas-Heizkessel im Zeitraum 2026 bis 2035 Investitionen von 43 bis 60 Mrd. Euro erfordern. Bei 10.000 Euro pro Austausch wären es 50 bis 70 Mrd. Euro.

Hauseigentümer kommen in Zugzwang

Dass es so kommt, ist wenig realistisch, denn die Betriebskosten einer Gas-Heizung sind deutlich höher als bei Heizungs-Wärmepumpen und Pellet-Heizkesseln. Und die Besitzer alter Gas-Heizungen kommen zunehmend in Zugzwang, vor 2007 wurden jährlich zwischen 0,5 und 0,65 Mio. Gas-Heizungen installiert. Die sind irgendwann „fällig“.

Exkurs: Geht man pro ausgetauschten Heizkessel von einer Entnahme aus dem Gasnetz im Mittel von 15.500 kWh vor und 13.500 kWh/a nach dem gleichmäßigen Austausch und einem Gaspreis von 10 Ct/kWh aus, beläuft sich die kumulierte Gasrechnung im Zeitraum 2026 bis 2035 für die 5 bis 7 Mio. Gas-Heizkessel auf weitere 73 bzw. 102 Mrd. Euro. Davon werden dann ohne Teuerung 22 bzw. 31 Mrd. für die Netznutzung bezahlt.

Selbst die Autoren der GMG-Eckpunkte gehen davon aus, dass die Heizungsmodernisierer auch künftig umsteigen: „Beim Austausch der Heizung liegt die Entscheidung über die künftige Heizungsart bei den Eigentümern, die sich heute schon beim Heizungstausch überwiegend für eine Wärmepumpe oder Fernwärme entscheiden.“

Steigende Gas-Netzentgelte sind dann unvermeidbar. Zieht man die Abschreibung der Gasnetze noch weiter vor, ist die Wirkung ähnlich. Auch Grüne Gase drehen an weiteren Preisschrauben, über die Quoten wird der Einbau einer Gas-Heizung mit einem finanziellen Malus versehen. Das Gas-Verteilnetzentgelt bei einem Einfamilienhaus mit einer Netzentnahme von 20.000 kWh/a liegt 2026 im Durchschnitt – aber mit großer Schwankungsbreite – bei über 600 Euro pro Jahr (brutto, BDEW-Gaspreisanalyse April 2026). In den letzten 10 Jahren ist es für die genannte Abnahme bereits um 70 % gestiegen.

Jochen Vorländer
Chefredakteur TGA+E Fachplaner
vorlaender@tga-fachplaner.de

Zahlenbasis: Im Jahr 2035 wären von den bis Ende 2024 installierten Gas-Heizkesseln rund 7,0 Mio. Geräte älter als 25 Jahre, davon wären rund 4,8 Mio. Geräte alter als 30 Jahre und davon 2,6 Mio. Geräte älter als 35 Jahre (aus BDH-Absatz). Das Schornsteinfegerhandwerk hat in seiner letzten ZIV-Erhebung zum 31.12.2024 im Gebäudebestand 13,943 Mio. Gas-Heizkessel gezählt. Davon werden schätzungsweise 0,543 Mio. Geräte mit Flüssiggas (LPG) betrieben. Die Erdgasinfrastruktur versorgt also unter anderem 13,4 Mio. Gas-Heizkessel. Der überwiegende Teil davon wird in Wohngebäuden zur Raumheizung und Trinkwassererwärmung genutzt.

Alle TGAkommentare finden Sie im TGAdossier TGA-Leitartikel

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